Zwei Frauen?

Mein Mann – nennen wir ihn Paul – und ich waren kurz vor Weihnachten auf einem tantrischen Abend – einem schönen und achtsamen Raum für Begegnung. In diesem Rahmen hatten wir letztes Jahr schon spannende Leute kennengelernt. Diesmal war eine Frau im Kreis, von der ich sofort wusste, dass sie meinem Partner gefallen würde. Ein bisschen südländischer Typ, lange braune Haare, eine sehr natürliche und warmherzige Ausstrahlung. An diesem Abend gab es vier Sessions à 20 Minuten, wo man sich Berührung, Massage, Gehalten-Werden, etc… wünschen konnte. Wie erwartet, war ihm diese Frau auch gleich aufgefallen und die beiden verbrachten eine Session zusammen. Ich hatte auch einen schönen Austausch mit einem Mann, den ich schon kannte.

Unruhe kommt auf

Gegen Ende des Abends wollten die beiden dann nochmal gemeinsam in eine Session gehen und zu viert mit einem anderen Paar eine Massage austauschen. Da machte sich doch ein klein wenig Unruhe in mir breit, eine versteckte rote Alarmleuchte fing an zu blinken. Also meldete ich mich ebenfalls zu dieser Session, weil ich wissen wollte, wie diese Frau so drauf ist, was sie für eine Energie hat und wie ich sie einschätzen soll (ja, es gibt einen Teil in mir, der gerne alles unter Kontrolle hat ;-).  Wir landeten zu fünft auf einer großen Matte.

Ich hatte zwar grundsätzlich ein gutes Gefühl bei ihr, fühle mich aber irgendwie nicht richtig „gesehen“. Sie verhielt sich unbefangen und in meinen Augen fast ein bisschen forsch. Eben wie eine Frau, die gerade einen tollen Mann kennengelernt hat, den sie für sich erobern will. Und das machte mich dann doch ein wenig unruhig.

Achtsam kuscheln

Bei so einer gemeinsamen Massage-Session finde ich es wichtig, dass jeder auf jeden achtet, damit es allen gut geht. Mein Mann bezog mich auch liebevoll mit ein, aber es war spürbar, dass die Chemie in dieser speziellen Situation hauptsächlich zwischen ihm und ihr floss. Ich merkte, dass meine Energie da nicht gut dazu passte und konnte in dem Moment auch wieder loslassen. Ich ließ die beiden allein, um mir jemand anderen zum Kuscheln zu suchen.

Die beiden lagen noch lange zusammen und redeten, und ich unterhielt mich auch mit einem netten Mann, während wir uns im Arm hielten. Als der Abend zu Ende ging tauschte Paul mit der anderen Frau Telefonnummern. Er strahlte über’s ganze Gesicht, dass er mit der Telefonnummer einer spannenden Frau nachhause gehen konnte, und das rührte mich fast ein bisschen. Ich hatte auch noch ein paar Worte mit ihr – nennen wir sie Alina – gewechselt, und festgestellt, dass wir einige Gemeinsamkeiten hatten und sie mir sympathisch war.

Sie fliegt mit auf Urlaub – in meinem Kopf

Ein paar Tage später flogen wir für fünf Wochen auf Urlaub und das Thema „Alina“ beschäftigte mich weiter. Ich schloss mal wieder von mir auf andere und war mir sicher, dass da bereits permanent heiße Nachrichten hin und her geschickt wurden. Zu Silvester erzählte Paul mir, dass er Alina Fotos und einen Reisebericht geschickt hatte. Wir redeten und es stellte sich heraus, dass er dem ganzen mal wieder viel weniger Energie und Mindfuck gab als ich.

Das half mir zwar ein bisschen, aber ich hatte während der ganzen Reise immer wieder Phasen, wo sie sehr stark in meinen Gedanken war. Wie würde ich damit umgehen, wenn er sie wieder treffen wollte (und dass er das wollte war klar)? Ich wollte so gern entspannt damit sein, und nach allem, was ich selbst schon erlebt hatte, hatte ich auch wenig Recht, ihm das nicht zu gönnen… Mein Kopf sagte mir auch, dass es „ungefährlich“ wäre, aber da war trotzdem eine große Unruhe und Anspannung in mir.

Nach unserer Rückkehr war es dann „endlich“ so weit, dass er damit rausrückte, dass er sie beim nächsten tantrischen Abend treffen wollte. Ich wand mich mit allen möglichen Argumenten und meinte schließlich: „Das möchte ich alles von ihr wissen: Ist sie Single? Hat sie Liebhaber? Was arbeitet sie? Hat sie Tagesfreizeit? Was ist ihre Vorstellung von Beziehung? Was sucht sie? Was hat sie schon für Erfahrungen gemacht?“ Darauf hin meinte er ganz trocken: „Dann frag sie. Ich schick Dir ihre Nummer!“

Die Aussprache

Tja, und das hab ich dann auch getan. Um festzustellen, dass wir das schon viel, viel früher hätten machen sollen!!! Wir telefonierten fast eine Stunde und dabei stellte sich folgendes heraus: An dem Abend, bei dem wir uns kennengelernt hatten, wusste sie bis fast zum Ende nicht, dass ich seine Frau bin!!! Sie hatte uns nicht gemeinsam kommen sehen und konnte mich dadurch auch nicht einordnen. Auch in der Session, wo ich dabei war, ist ihr kein Licht aufgegangen, und wahrscheinlich hat sie sich noch gedacht: „Was will die denn jetzt da…“

Erst als sie sich dann unterhalten hatten, hatte sie den Ring gesehen und gefragt. Und plötzlich war ihr alles klar. Und auch ein bisschen unangenehm.

Aber ich wusste von der Geschichte nichts und in mir blieb das Bild der Frau, die meinen Mann erobern will.

Als sich das in unserem Telefongespräch aufgelöst hatte, mussten wir beide erst einmal herzlich lachen. Und mir wurde klar, dass Paul und ich uns bei solchen Gelegenheiten transparenter verhalten sollten. Z.B. gleich am Anfang im Kreis sagen, dass wir ein Paar sind, dass wir miteinander da sind und dass wir abgesprochen haben, dass es ok ist, Begegnungen mit anderen Menschen zu haben. Das hätte auch ihr die unangenehme, weil zu späte Erkenntnis erspart.

Und dann gestanden wir uns ein, dass wir beide ganz schön Bammel vor diesem Telefonat gehabt hatten. Auch sie hatte in der Nacht davor nur wenig geschlafen, weil ihr so viele Dinge durch den Kopf gingen.

Da ist noch immer so viel Angst vor der „anderen Frau“

Im Nachhinein war ich wirklich erschüttert, wie viel Angst wir Frauen nach wie vor voreinander haben!!! Sogar Alina und ich, die wir uns so viel in Frauenkreisen bewegen, die wir „Schwesternschaft“ hoch halten und andere Frauen ja grundsätzlich sehr gern haben – aber sobald ein Mann ins Spiel kommt, ist da immer noch ganz viel Panik, dass „die Andere“ mir etwas antun, etwas wegnehmen, mich verletzen könnte.

Und es passiert. Dass Menschen sich verlieben und plötzlich weg sind, oder dass es zumindest sehr schwierig wird. In unserem Bekannten-Kreis ist es in den letzten Monaten zweimal passiert, dass Männer sich neu verliebt und ihre langjährigen Partnerinnen verlassen haben – und das waren sehr bewusste und reflektierte Männer.

Ich habe auch ihre Unsicherheit gespürt, wie sie mit der Situation umgehen soll, die sie sich selbst so wohl nicht ausgesucht hätte. Es ist keine einfache Position, die Dritte zu sein, wenn man selbst keinen festen Partner hat. Immer wieder heißt es Rücksicht auf die „Hauptbeziehung“ zu nehmen, und es kann schwierig sein, auch eigene Bedürfnisse anzumelden. Nach einem schönen Abend geht er wieder heim zur Frau.

Andererseits muss man sich auch nicht mit Alltag herumschlagen und kann einfach mal einen schönen Abend mit einem spannenden Mann genießen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, ob da wohl „mehr“ daraus wird. Außerdem sind Begegnungen mit Menschen möglich, die man sich als Partner gar nicht vorstellen könnte und die wohl auch nicht passen würden. Lange Zeit war mir diese Rolle deutlich vertrauter als die der Ehefrau.

Können zwei Freundinnen den selben Mann lieben?

Ich weiß auch keine Patent-Lösung. Eigentlich könnte es doch kaum etwas Verbindenderes zwischen zwei Frauen geben als die Liebe zum selben Mann, oder? Kann das gehen? In dem Buch von Sabine Lichtenfels „Weiche Macht“ ist genau dieses Dilemma beschrieben – Was passiert, wenn zwei Freundinnen sich in den selben Mann verlieben? Können Freundschaft UND Liebe Bestand haben? Sie meint, das geht, aber nur, wenn das ganze in eine Gemeinschaft eingebettet ist und von Gleichgesinnten getragen wird…

Noch ein Zitat aus dem Buch:

„Wirkliche Frauenfreundschaft konnte für mich letztlich immer erst da beginnen, wo ich eine Aufgabe sah, an der wir gemeinsam arbeiteten. Solange der Mann das einzige bleibt, was Frauenherzen wirklich bewegt, kann keine wirkliche Frauenfreundschaft beginnen.“

Sabine Lichtenfels, „Weiche Macht“

Ich habe mich schon über so viele intime Themen mit anderen Frauen ausgetauscht, habe mich genährt und gestärkt unter Frauen, habe mich in Frauen verliebt und eine große Nähe und Vertrautheit erlebt. Tatsächlich habe ich aber noch nie mit einer anderen Frau einen Mann geteilt. Da gibt es eine unsichtbare Grenze, hinter der plötzlich Konkurrenz, Neid, Eifersucht, Missgunst, Misstrauen und Angst auftauchen.

Diese Zerrissenheit tut mir weh, und ich wünsche mir, dass diese Gefühle einem Vertrauen weichen, dass da ein Mensch ist, der auch das Risiko eingeht, verletzt zu werden, der sich einlässt und achtsam ist, der ganz ähnliche Gefühle und auch Verständnis hat.

Ich kenne meine „Schatten“, ich forsche, aus welchen Gefühlen sie sich speisen und versuche, meinen Frieden mit ihnen zu machen. Ich sehe bei meinem Mann, dass er sich nicht mehr mit Kopfkino und inneren Dämonen quält, sondern mir schöne Begegnungen aus ganzem Herzen und ohne Verunsicherung gönnen kann. Es ist möglich.

Und natürlich hat auch der männliche Part eine Verantwortung zu tragen, vor allem die, klar und transparent in seiner Kommunikation allen Beteiligten gegenüber zu sein.

Es bleibt spannend und ich bin sehr neugierig, wie sich das Thema weiterentwickeln wird, wenn wir dann in der Nähe vom ZEGG leben und einen Freundeskreis haben, der wahrscheinlich offener für neue Beziehungsformen ist.

Die Sehnsucht nach meiner „Sippe“

Ich spüre einfach, dass ich eine große Sehnsucht nach meiner „Sippe“ habe – nach Menschen, die auch in meinem Alltag um mich herum sind. Und da sehr gerne auch tolle Frauen. In wieweit das dann auch Liebe, erotische Gefühle und Sexualität mit einschließen kann/soll, weiß ich noch nicht, aber wir werden das bestimmt weiter erforschen.

Und ich bin gespannt, wie die Geschichte mit Alina weitergehen wird. Es gibt auch einen Teil in mir, der sie gerne näher an unserer Familie dran hätte, als Teil unserer „Sippe“, als Freundin, Gefährtin und Schwester…

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