Kuscheln… und dann?

Wer jetzt in einer liebevollen Partnerschaft lebt kann sich glücklich schätzen. Wenigstens einen Menschen zum Austausch von Körperkontakt, Berührung und Zärtlichkeiten zu haben, ist gerade Gold wert. Umarmen, Hautkontakt und Kuscheln entspannen und beruhigen das autonome Nervensystem. In einer Zeit der allgemeinen Verunsicherung kann das ein wichtiger Faktor sein, um weiter klar und bewusst zu bleiben und den alltäglichen Aufgaben mit Ruhe und Umsicht zu begegnen.

Mein Mann und ich kuscheln gerade so viel wie noch nie zuvor in unserer Beziehung, und ich merke jeden Tag, wie unendlich gut mir das tut. Wir verbringen auch soviel Zeit wie nie zuvor gemeinsam (allerdings auch rund um die Uhr mit unserem Sohn, was die Gestaltung der gemeinsamen Zeit doch deutlich in Richtung der Interessen des Juniors verschiebt…).

Kuscheln ist gut – aber was ist mit dem Sex?

So schön die liebevolle körperliche Nähe ist – dem erotischen Begehren tut zu viel Nähe nicht besonders gut. Und so gibt es gerade viele Paare, die zwar Streicheleinheiten genießen, aber auffallend wenig Interesse an Sex haben. Manchmal betrifft es nur einen Partner, was zu Unstimmigkeiten führen kann, manchmal auch beide, und sie wundern sich, warum das so ist und was sie dagegen tun können.

Mehrere Ursachen sprechen in der momentanen Situation für sexuelle Lustlosigkeit:

  • Müdigkeit und Überforderung, besonders bei berufstätigen Eltern von kleinen Kindern
  • Zu wenig Distanz und persönliche Freiräume
  • Sorgen und Zukunftsängste
  • Eine gewisse innere Erstarrung („Stand-by-Modus“), weil niemand weiß wie es weitergeht
  • Zu viel im Kopf und zu wenig im Körper

Haben wir jetzt nicht ganz andere Probleme?

Manchen mag es als Luxusproblem erscheinen, in Zeiten von gesundheitlichen Risiken und Existenzängsten nach den Ursachen für weniger Sex zu fragen. Aber gerade in solchen Situationen kann körperliche Liebe ein wunderbares Mittel sein, um sich wieder lebendiger, zuversichtlicher, präsenter und positiver gestimmt zu fühlen. Der Hormon-Cocktail, der bei intimem und vertrauensvollem Sex ausgeschüttet wird, kann augenblicklich dazu führen, aus einer ängstlichen, deprimierten in eine optimistische, ja euphorische Stimmung zu kommen.

Um alle Menschen außer unseren Partner müssen wir nun einen Bogen machen, und das wahrscheinlich noch für lange Zeit… – das kann dazu führen, dass wir uns abgeschnitten und vereinzelt fühlen. Um uns wieder zu erinnern, dass wir – Kontaktverbote hin oder her – mit allem verbunden sind, kann die tiefe körperliche Vereinigung mit unserem Partner eine wichtige Rolle spielen.

Was also tun, um das körperliche Begehren wieder zu wecken?

1.) Keinen Druck aufbauen

In manchen Familien ist die tägliche Belastung gerade so hoch, dass die Eltern tatsächlich nur mehr spät nachts ins Bett fallen und nichts anderes als ein paar Stunden Schlaf brauchen. In so einer Ausnahmesituation ist es ganz normal, dass Sex eine Zeit lang keine Rolle spielt. Wenn das einen Partner mehr belastet als den anderen, kann er / sie versuchen, Zeit und Raum für liebevolle (auch erotische) Selbstfürsorge zu finden (und z.B. mal eine Stunde in der Badewanne zu verschwinden).

Wichtig ist, dem anderen – vielleicht noch erschöpfteren – Partner keinen Druck oder gar Vorwürfe zu machen. Druck hat noch nie zu gutem Sex geführt. Zärtlichkeiten können eine Einladung sein, den schwierigen und belastenden Alltag mal wieder hinter sich und sich selbst ganz fallen zu lassen, aber wenn das gerade nicht klappt dann bleibt es eben beim Kuscheln.

Trotzdem sollte jeder Partner die Möglichkeit haben, Wünsche und Bedürfnisse auszusprechen um den Status quo nicht auch nach dem Ende der Krise – das bestimmt irgendwann kommt – stillschweigend zum Dauerzustand werden zu lassen. Es ist wie bei den allgemeinen Kontaktbeschränkungen – begründete Einschränkungen für einen gewissen Zeitraum sind ok, aber es muss Hoffnung geben, dass es auch wieder anders wird!

2) Für Abstand sorgen

Viele Paare und Familien verbringen gerade die meiste Zeit gemeinsam zuhause. Gemeinsam auf sehr begrenztem Raum essen, arbeiten, lernen, spielen, fernsehen, lesen, schlafen… das ist viel Nähe und kann als Kontrast zum normalen Alltag auch mal sehr schön sein.

Allerdings tut zu viel Nähe der sexuellen Anziehung alles andere als gut. Was wir ständig um uns haben begehren wir nicht (mehr). Der Reiz des Außergewöhnlichen, Überraschenden, Geheimnisvollen fällt weg sobald es nur mehr das Vertraute gibt.

Das ist an sich schon eine permanente Herausforderung in langjährigen Beziehungen – und jetzt gilt es mehr denn je, kreativ zu werden:

  • Wenn möglich getrennte Arbeitszimmer, vielleicht sogar getrennte Schlafzimmer
  • Während des Tages Zeit alleine verbringen – lieber allein joggen gehen statt gemeinsam
  • Sich auch zuhause nicht gehen lassen – warum sich nicht mal fürs Abendessen etwas Besonderes anziehen und Schmuck / Parfüm anlegen (gilt auch für Männer ;-)?
  • Versuchen, sich gegenseitig kleine Freiräume zu ermöglichen, besonders wenn Kinder mit im Haushalt leben

3) In den Körper kommen

Obwohl für die Erotik natürlich auch Gedanken und Gefühle eine wichtige Rolle spielen ist Sex doch eine zutiefst körperliche Angelegenheit.

Ich stelle bei mir selbst fest, dass ich gerade unbewusst Dinge vermeide, von denen ich weiß, dass sie mich mehr in den Körper und ins Spüren bringen. Tiefes Atmen, tanzen, schütteln, intensive Bewegung und eben auch Sex. Ich bin in einer Art „Stand-by-Modus“ um nicht zu schmerzhaft spüren zu müssen, wie sehr ich es vermisse, meine Freunde zu umarmen, zu reisen wohin ich will, meine Mutter zu besuchen, Urlaub zu planen, mich auf Festivals zu freuen, meine kleinen Freiheiten zu leben…

Denn „mehr zu spüren“ heißt nicht nur, mehr Freude, Liebe und Lebendigkeit zu spüren, sondern eben auch Traurigkeit, Angst, Frust, Wut oder Hilflosigkeit zu spüren. Und das vermeiden wir lieber, auch wenn uns das insgesamt stumpfer und teilnahmsloser macht.

Die meisten von uns haben nie gelernt und auch wenig Übung darin, sich auch einmal bewusst ihrer Wut oder Angst zu stellen. Sie intensiv im Körper zu spüren, durch sie hindurch zu gehen und dabei weiter zu atmen. Sich für alle Formen von starken Gefühlen zu öffnen und sie halten zu können bringt insgesamt ein intensiveres Spüren und Leben.

Auch wenn es gerade nicht leicht fällt: laute Musik an, stampfen und schütteln, tönen, singen, lachen, schreien, alles raus lassen was gerade da ist – das erleichtert ungemein. Den Rest der Familie kann man derweilen ja eine Runde in den Park schicken… oder – noch besser – sie machen mit!

4) Sich die Erlaubnis geben, lebendig zu sein

„Darf ich wild, lustvoll, verspielt, kraftvoll und glücklich sein, wenn die ganze Welt doch in der Krise steckt, keiner weiß wie es weitergehen wird und so viele Menschen leiden und sterben?“

So oder so ähnlich könnten Bedenken klingen, die verhindern, dass wir jetzt gerade unser ganzes Spektrum an Lebendigkeit, Kreativität und Lebenslust ausdrücken und in die Welt bringen.  Doch gerade das ist es doch, wofür wir leben: um lebendig zu sein, und nicht um zu leiden. Die Welt braucht unsere positive Energie.

Und wie kann das jetzt konkret gehen?

Vom liebevollen Kuschelmodus in den sinnlich-sexuellen Modus zu wechseln kann sich anfühlen, wie über eine imaginäre Schwelle zu treten. Wie die bekannte Paartherapeutin Esther Perel sagt: „Sex ist nicht etwas, was wir tun. Es ist ein Ort an den wir gehen…“

Hier sind ein paar Ideen, um leichter (wieder) an diesen Ort zu kommen:

  • Die Kinder mal früh ins Bett bringen und gemeinsam einen lustigen Film anschauen. Zusammen lachen hilft sehr um zu entspannen.
  • Nackt ins Bett legen und einfach anfangen mit dem, was sonst auch immer Spaß gemacht hat. Mit etwas Glück und wenig Erwartungen kommt der Appetit beim Essen. Wenn beide dabei einschlafen ist es auch kein Drama 😉
  • Sehr ehrlich zueinander sein. Zugeben, wenn das, was man da im Bett angefangen hat, gerade überhaupt keinen Spaß macht. Offenbaren, was es ist, was einen gerade wirklich beschäftigt. Wo Ängste und Verzweiflung sitzen. Vielleicht eine Runde miteinander weinen und dann entspannter sein.
  • Mal für ein, zwei Stunden so tun als ob alles in Ordnung wäre. Bewusst alles ausblenden, was mit „C“ beginnt. Jeden sorgenvollen Gedanken für diesen Zeitraum auf eine kleine weiße Wolke setzen und weg schweben lassen. Sich klar machen, wie wichtig und gesundheitsfördernd Spaß und Freude auch in schwierigen Zeiten sind.

In diesem Sinne… einen schönen Abend und eine heiße Nacht! 🙂

 

Foto: Jonathan Borba auf Pexels.com

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Joachim Rissmann sagt:

    Hallo Brigitte,

    ganz herzlichen Dank für Deine Gedanken gerade in diesen Zeiten!!

    Ich empfinde die Situation gerade als Katastrophe, ich vermisse die ‚Liebe tanzen“ Abende und andere „tantrischen“ Begegnungsmöglichkeiten.

    Corona ist doch viel weniger gefährlich als z. B. Aids, bei vergleichbarer Verantwortung, ist bald der Moment gekommen wo der „Nutzen“ von körperlicher Nähe höher ist als die Gefahr….

    Ich danke Dir nochmal herzlich für Deine Gedanken.

    Alles in Liebe

    J.

    PS : Einziger Kritikpunkt, vielleicht wären Gedanken für sich „Alleinfühlende“ als Schwerpunkt noch hilfreicher….?

    1. mysexysalad sagt:

      Lieber Joachim,

      vielen Dank für Deinen Kommentar! Auch wenn ich meinen Liebsten zum Kuscheln habe, vermisse ich doch auch die schönen Abende und Veranstaltungen im großen „Feld“…

      Ein Artikel über die Situation von Menschen, die gerade gar keine körperliche Nähe und Berührung von anderen haben können, und über eine Gesellschaft, die sowieso schon ein großes Berührungs-Defizit hatte, das sich jetzt noch verschlimmert, ist in Vorbereitung.

      Wenn Du mir etwas über „sich-Alleinfühlende“ in der jetzigen Krise erzählen magst, schreib mir gerne ein Email unter contact@mysexysalad.com! Ich freue mich, auch über andere Zuschriften. Lasst uns in Kontakt bleiben, über alle Kontaktbeschränkungen hinweg!

      Lieben Gruß
      Bee

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