Liebe tanzen, oder: Wie ich mir die Welt vorstelle

Ich bin im November geboren. Die meiste Zeit war mir die Welt zu kalt, zu lieblos und zu einsam erschienen.

Mit Mitte zwanzig hatte ich ein großes Offenbarungs-Erlebnis: ich lernte endlich Menschen kennen, bei denen wohltuende Berührungen, Wärme, lange Umarmungen, bewusstes In-die-Augen-Schauen, Tanzen, Lachen und Sinnlichkeit möglich waren und mit Freude geschenkt wurden. Es war die Welt der Tantra-Seminare.

Wie sich herausstellte, war auch das keine „heile“, „perfekte“ Welt, aber der Versuch, anders miteinander umzugehen als es in der Leistungs- und Wettkampf-orientierten Konsum-Welt „draußen“ üblich war. Und es hat mir bestätigt, dass auch andere Menschen die Sehnsucht nach einer „anderen Welt“ kennen.

Was braucht es, um authentische und liebevolle Begegnungen möglich zu machen?

Vor kurzem war ich mit meinem Partner auf einer Veranstaltung, wo ich wieder eine Ahnung von der Möglichkeit dieser „anderen Welt“ bekam. Es war „Liebe tanzen“ von Christopher Gottwald in Berlin. Die Veranstaltung feiert bald ihr fünfjähriges Jubiläum und es ist deutlich, dass in den Jahren wertvolle Erfahrungen gemacht wurden, wie man Räume schafft, in denen Menschen einander authentisch und liebevoll begegnen können.

„Wie würde es sich anfühlen, wenn wir zusammen kommen, uns in die Augen sehen, uns begegnen und berühren, ohne Angst zu haben, dass etwas passiert, was wir nicht wollen? Wir sind da mit allem, was in uns ist: wild, sanft, frech, neugierig, zurückhaltend, spielerisch! Und damit zeigen wir uns gegenseitig!“

Webseite von Christopher Gottwald

Rund 130 Menschen kamen in einem sehr schönen Dachgeschoss-Raum in Kreuzberg zusammen. Jüngere und ältere, manche kannten einander, die meisten nicht. Bei der Einführung für die „Neulinge“ gab Christopher ganz klar die Erlaubnis, dem/der Spielpartner*in jederzeit das eigene Erleben zu kommunizieren – Wohlbehagen genauso wie Unbehagen. Und zwar mittels eines ganz einfachen Tools: dem Ampelsystem.

Einfach „grün“ sagen und weiterschnurren.

„Gelb“ sagen, innehalten, aufmerksam in sich hineinspüren und entscheiden, ob es eher in Richtung „grün“ oder „rot“ geht.

„Rot“ sagen, aus dem Kontakt gehen, sich beieinander bedanken und weiterziehen. Spätere Wieder-Annäherung nicht ausgeschlossen.

Sogar „schwarz“ ist erlaubt: „an diesem Abend möchte ich keine Begegnung (mehr) mit Dir“. Der Empfänger von „schwarz“ kann sich ebenfalls bedanken und für sich entscheiden, es persönlich zu nehmen oder auch nicht. Möglicherweise ähnelt er einfach dem ungeliebten Chef der sendenden Person.

Kein Versprechen für die Zukunft

Es gibt noch eine weitere Regel: „Wer A sagt muss NICHT B sagen“. Ein Augenkontakt ist nur ein Augenkontakt und muss nicht zu einer Berührung führen. Ein gemeinsamer sinnlicher Tanz ist nur ein Tanz und heißt nicht, dass im Anschluss Telefonnummern ausgetauscht werden oder man nach der Veranstaltung gemeinsam im Bett landet.

Und so habe ich das auch erlebt. Die Menschen fühlten sich frei, sich tief und innig einzulassen um ein paar Minuten später mit einem Lächeln „Danke“ zu sagen und fröhlich weiterzuziehen. So frei miteinander umgehen zu können habe ich als ganz großes Geschenk erlebt.

Es gab auch verschiedene „Zonen“: eine für Nicht-erotisches Gehalten-Werden, ein paar Matten zum Kuscheln, einen Bereich zum Allein-für-sich-sein, einen zum wohlwollenden Beobachten der Szenerie und einen, wo man sich mit verbundenen Augen zum Tanz abholen lassen konnte.

Dazwischen ein großer Raum voller Möglichkeiten: tanzen, berühren, sich aneinander schmiegen, bewusste Begegnung mit einer bestimmten Person oder sich mit geschlossenen Augen im großen Getümmel treiben lassen.

Gemeinschaft und Verbundenheit erleben

Ich habe einen sehr liebevollen Gemeinschafts-Raum erlebt, wo sich keiner absondert, sondern alle gemeinsam mit offenen Herzen Freude erleben. Die Musik der großartigen Silvana del Rosso war auch so gewählt, dass nach ruhigeren, sinnlicheren Phasen auch wieder dynamischere Musik kam, damit man nicht so aneinander „klebt“ sondern in Bewegung bleibt.

Der junge Mann, mit dem ich die erste Übung zum Ampelsystem gemacht hatte, sollte für den Rest des Abends mein „Buddy“ sein. Auch eine schöne Idee, um sich von Anfang an gut aufgehoben zu fühlen. Waren wir in den ersten Minuten noch sehr zurückhaltend, fast schüchtern gewesen, so spürten wir spätestens bei der Verabschiedungs-Umarmung sehr viel Herzlichkeit und Verbundenheit.

Ich erzählte ihm, dass ich mit meinem Mann hier war und er fand es toll, dass auch Paare gemeinsam zu solchen Veranstaltungen gehen und sich in diesem geschützten Rahmen Kontakte mit anderen Menschen ermöglichen, um die Neugier auf „Neues, Anderes“ zu befriedigen.

Und wir fanden es toll, nach all den „neuen, anderen“ Erfahrungen wieder Arm-in-Arm mit unserem vertrauten Lebenspartner nachhause zu fahren und das gemeinsame Erlebnis noch lange nachklingen zu lassen.

Welt im Wandel

Wir leben heute in einer Welt, die sich rasant verändert. Viele dieser Veränderungen fühlen sich bedrohlich an, machen Angst und geben uns ein Gefühl von Ohnmacht.  Viele alte Konzepte und gewohnte Verhaltensweisen funktionieren nicht mehr. Jede*r kann, darf und muss für sich selbst entscheiden und verantworten, wie er oder sie leben will. Umso wichtiger ist es, uns daran zu erinnern, dass wir nicht allein sind. Umso wichtiger sind Räume, in denen wir wieder regenerieren können.

Mancher mag sich fragen, ob wir angesichts der Lage in der Welt überhaupt noch Freude empfinden können und dürfen. Ich bin mir sicher, die Erfahrung von Gemeinschaft, Liebe und Verbundenheit trägt wesentlich zu einem positiven Wandel unserer Gesellschaft bei und kann gar nicht hoch genug geschätzt werden.

Daher: Lasst uns tanzen und lieben und Liebe tanzen! ❤

„Die schönere Welt, von deren Möglichkeiten mein Herz weiß, ist eine Welt mit viel mehr Lust: viel mehr Berührung, viel mehr Liebesspiel, viel mehr Umarmungen, viel mehr tiefem Einander-in-die-Augen-Schauen, viel mehr duftendem, selbst gemachtem Brot, viel mehr frisch geernteten Tomaten, die noch von der Sonne warm sind, viel mehr Singen und Tanzen, viel mehr Zeitlosigkeit, viel mehr Schönheit in unserer Wohnumgebung, viel mehr unberührten Ausblicken, viel mehr frischem Quellwasser.“

Charles Eisenstein, „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“

Foto: privat

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