„Muss ich meinem Partner alles sagen?“ – Teil 1 der Artikelserie „Wahrhaftige Beziehung“

„Sind Heimlichkeiten ein Beziehungskiller? Gibt es ‚gute‘ und ’schlechte‘ Geheimnisse? Kann ich meinem Partner die Wahrheit überhaupt zumuten?“ – Das sind Fragen die mir oft gestellt werden. Und die Du Dir vielleicht auch schon gestellt hast.

Ich frage dann meistens zurück: „Welche Teile von Dir hältst Du für so unzumutbar, dass Du meinst, sie vor Deinem Partner verheimlichen zu müssen? Und warum?“

Ehrlichkeit als Basis

Für die meisten Menschen ist Ehrlichkeit die Basis, die zu gegenseitigem Vertrauen führt. Für Dich wahrscheinlich auch. Gerade am Anfang einer Beziehung ist die Hoffnung noch groß, im Partner / in der Partnerin endlich den Menschen gefunden zu haben, dem man sich ganz und gar ohne Maske zeigen kann.

Doch trotz aller guten Absichten, ehrlich sein zu wollen, trotz der hohen Ansprüche, die die meisten Menschen in Punkto Aufrichtigkeit an sich selbst haben, gibt es jede Menge verborgene Süchte, heimliche Affairen, versteckte Leidenschaften und unterdrückte Gefühle. Wie ein Vulkan, der unter der Oberfläche brodelt, besteht immer die Gefahr, dass sie eines Tages ans Licht kommen und große Verwüstung im Leben der beteiligten Menschen anrichten.

Warum ist das so?

Gründe für Heimlichkeiten

Es gibt viele verschiedene Gründe, dem Partner / der Partnerin oder auch anderen nahestehenden Menschen etwas zu verheimlichen. Die fünf wichtigsten habe ich Dir hier zusammengefasst:

1. Angst davor, kontrolliert und vereinnahmt zu werden

Manche Menschen waren als Kinder sehr „behütet“. Ihre Eltern wollten alles von ihnen wissen, sie ständig beobachten und kontrollieren. Sie hatten keinen eigenen Raum und fühlten sich von ihren Eltern vereinnahmt.

Diese Menschen reagieren als Erwachsene in einer Beziehung oft sehr sensibel auf die Aufforderung, sich doch mehr einzulassen und mehr von sich zu zeigen. Sie ziehen sich zurück wie eine Schnecke in ihr Haus, sobald sie das Gefühl haben, der Partner ist zu neugierig, will sich einmischen und sie kontrollieren.

In so einer Situation braucht der Partner / die Partnerin viel Vorschuss-Vertrauen, um im entscheidenden Moment loszulassen, nicht nachzubohren, und ein Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung zu vermitteln.

Jeder ist auch immer ein Individuum und lebt sein eigenes Leben. Herauszufinden, wo „Privatsphäre“ endet und „Heimlichkeiten“ beginnen ist eine Herausforderung für jedes Paar.

2. Scham

Die Dinge, die wir vor anderen verheimlichen, sind meistens nicht gerade die, auf die wir besonders Stolz sind. Es sind die, die nicht dem Bild entsprechen, das wir gerne von uns zeigen wollen.

Das nächtliche Plündern des Kühlschranks, der Sonntag auf der Couch mit Chips und Bier statt Sportprogramm, der erotische Chat mit einem Fremden, die schnelle Zigarette am offenen Fenster, zuviel Pornos… das alles sind Dinge, die wir nicht gerne zugeben.

Ist es notwendig, solche Schwächen zu offenbaren? Nun ja… Du kannst natürlich auch die perfekte Fassade aufrecht erhalten und so tun, als ob Du immer alles im Griff hättest.

Aber wenn wir das Risiko eingehen, unseren Liebsten auch die Seiten an uns zeigen, wo wir schwach sind, wo wir uns gehen lassen, wo wir auch mal Versuchungen nachgeben, dann machen wir eine Tür auf, hinter der echte Nähe entstehen kann. Wir machen uns „nackt“ und verletzlich, und unser Partner / unsere Partnerin bekommt die Chance, sich ebenfalls menschlich und unperfekt zu zeigen.

Und es kann auch ganz viel Druck aus dem Thema nehmen. Du bist wahrscheinlich sowieso schon von schlechtem Gewissen geplagt, weil Du nicht von Deiner unliebsamen Angewohnheit lassen kannst. Wenn Du sie aus Scham dann auch noch verheimlichst, obwohl Ehrlichkeit eigentlich ein hoher Wert für Dich ist, werden die Gewissensbisse noch quälender und Du verurteilst Dich doppelt für Deine Unzulänglichkeiten.

Wie erleichternd kann es sein, sich zu überwinden, und mit dem geliebten Menschen über die eigenen Schwächen und Probleme zu reden und (hoffentlich) Akzeptanz und Verständnis zu erleben (mehr dazu im zweiten Teil dieser Serie!). Sehr oft sind wir uns selbst nämlich deutlich schärfere Kritiker und Richter als es die Menschen sind, die uns lieben.

Aber davor musst Du eines überwinden:

3. Die Angst vor Ablehnung

Viele Menschen haben Angst, vom wichtigsten Menschen in ihrem Leben abgelehnt zu werden, wenn sie sich so zeigen wie sie sind. Schon als Kinder haben sie erlebt, dass sie für manche ihrer Eigenschaften geliebt wurden und für andere nicht.

Es gehört also eine ganze Menge Mut dazu, sich auch mit allen „Schattenseiten“, den heimlichen Wünschen und Sehnsüchten, der eigenen Gier, Missgunst oder Eifersucht zu zeigen und zuzumuten.

Ja, es kann sein, dass der Partner oder die Partnerin im ersten Moment überfordert, irritiert oder sogar schockiert reagiert. Wie man mit Gefühlen umgeht, die hochsteigen können, wenn einem der Partner eine seiner „Schattenseiten“ offenbart, erkläre ich im vierten Teil dieser Artikelserie.

Wie man ein heikles Thema behutsam anspricht, erfahrt Ihr im dritten Teil.

4. Der Reiz des Heimlichen

Die meisten von uns sind so aufgewachsen, dass die ersten Erfahrungen mit sexueller Erregung gleichzeitig mit Heimlichkeit, dem Gefühl, etwas Verbotenes zu tun und der Angst, entdeckt zu werden, verknüpft wurden. Das heißt, wir sind so konditioniert, dass wir Heimlichkeit als etwas Erregendes empfinden.

Ob es die heimlichen Doktorspiele mit dem Nachbarskind am Dachboden waren, die Pornoheftchen in der hintersten Ecke des Schrankes oder das heimliche Masturbieren unter der Dusche… kaum jemand von uns hat unter entspannten, natürlichen Bedingungen seine frühe Sexualität erforschen dürfen.

Sich heimlich mit einer Geliebten zu treffen, kann einen intensiven „Kick“ geben und für Wochen oder Monate das komplette Gefühlsleben auf den Kopf stellen. Der Absturz ist allerdings schon vorprogrammiert, wie bei jedem Rausch.

Daher ist es gut, zu wissen, woher dieser „Reiz des Heimlichen“ kommt, um im Fall der Versuchung einen Schritt zurücktreten zu können und sich klar zu machen, welche Fallstricke in einer heimlichen Affäre lauern.

Und da wäre dann noch…

5. Der scheinbar einfachere Weg

In ersten Moment mag Verheimlichen als der „einfachere Weg“ erscheinen – nichts sagen, nicht direkt lügen, natürlich nicht, nur die Details ein klein wenig verändern, etwa, dass der Freund, mit dem man gestern noch auf ein Bier war, eigentlich eine Freundin war und das Bierlokal ihre Wohnung.

Mit der Zeit wird es immer komplizierter und irgendwann kommt man nicht mehr raus aus der Nummer ohne mehrere Menschen – einschließlich sich selbst – zu verletzen…

Klar – über Wünsche und Sehnsüchte offen zu sprechen und um gemeinsame Vereinbarungen zu ringen, wie diese gelebt werden können, ist definitiv auch nicht einfach und schmerzfrei.

Es ist aber eine großartige Möglichkeit für persönliches Wachstum, um einander wirklich kennen zu lernen und nahe zu kommen, wenn man einander seine „geheimsten“ Wünsche und Sehnsüchte anvertraut. Es ist ja gar nicht gesagt, dass man sie tatsächlich in dieser Form ausleben möchte – allein das Gefühl, damit gehört, gesehen und angenommen zu sein, kann schon sehr viel bedeuten.

Wie es funktionieren kann, wenn bestimmte Abenteuer doch erlebt werden wollen, erfahrt Ihr im fünften Teil dieser Serie.

Totale Transparenz oder Verborgene Leidenschaften?

Um noch einmal auf die Frage aus dem Titel zurück zu kommen: Nein, natürlich musst Du Deinem Partner / Deiner Partnerin nicht alles sagen. Du bist ein Mensch mit einer Privatsphäre und einem eigenen Leben. Wenn Du es als persönliche Freiheit betrachtest, bestimmte Dinge für Dich zu behalten, dann ist das Dein gutes Recht.

Aber: Es ist wichtig, über das Thema „Ehrlichkeit“ möglichst am Anfang einer Beziehung zu sprechen. Bei den meisten Paaren hängt die unausgesprochenen Erwartung im Raum, immer ehrlich zueinander zu sein. Stellt sich heraus, dass die Auslegung dieser (stillschweigenden) Vereinbarung unterschiedlich ausfällt, ist die Enttäuschung und Verletzung groß.

Klarheit schaffen

Daher sollte man darüber reden und Klarheit schaffen. Welcher Grad an persönlicher Freiheit ist für beide Partner wichtig? Was soll unbedingt geteilt werden, was fällt unter „nicht so relevant“? Vielleicht sagt auch einer: „Das will ich gar nicht so genau wissen.“

Und: Der Grad der Offenheit in Eurer Beziehung wird über den Grad der Intimität entscheiden. Du wirst Dich in der Liebe nie ganz geben können, wenn Du immer kontrolliert bleiben musst, weil Du einen Teil von Dir verheimlichst.

Meine Überzeugung ist, dass Menschen wachsen und sich wandeln dürfen – und Beziehungen auch. „Dass alles so bleibt wie es ist“ kann man sich wünschen, aber es ist letztlich eine Illusion.

Liebe – echt jetzt!

Wenn Du eine tiefe, innige Partnerschaft willst, die sich im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt, darfst Du dich auch mit den unliebsamen Seiten  beschäftigen – Deinen eigenen und denen Deiner Partnerin / Deines Partners. Das kann phasenweise anstrengend und schwierig sein, aber es wird auch Phasen geben, wo Du Dir denkst: „Warum haben wir nicht schon viel früher damit begonnen, uns wirklich füreinander zu interessieren und ‚echt‘ zu lieben?“

Es kann sein, dass Du dabei Hilfe benötigst. Dann nimm gerne hier Kontakt mit mir auf. Ich bin Paar- und Intimitäts-Coach und helfe Dir / Euch gerne – egal wo Ihr wohnt – mit einem Online-Coaching!

Im zweiten Teil erfährst Du nächste Woche unter dem Titel „Verheimlicht mein Partner mir etwas?“ wie Du eine Atmosphäre schaffst, die es Deinem Partner / Deiner Partnerin möglich macht, sich dir anzuvertrauen.

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Foto: HaseebPhotography, pixabay

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