Reicht Monogamie nicht aus?

Vor kurzem hat mir eine Bekannte folgende Frage geschrieben:

„Ich komme ja noch sehr aus der Monogamie und für mich ist es noch nicht nachvollziehbar, wenn Bedürfnisse, z.B. nach einer erfüllten Sexualität, in einer Beziehung fast vollständig erfüllt werden, warum dann dennoch das Bedürfnis bleibt, mit einem anderen Menschen intim sein zu wollen.“

Ich habe daraufhin viel darüber nachgedacht, wie mein Mann und ich unsere Beziehung leben, was uns wichtig ist, und wie ich das anderen Menschen so vermitteln kann, dass es nachvollziehbar ist. Hier ein Versuch:

1) Freiheit leben dürfen

Es gibt sehr viele tolle Menschen da draußen. Es ist ein großes Geschenk, die Freiheit zu haben, diese Menschen, wenn sie einem begegnen, auch näher kennenlernen zu können. Und dass das nicht beim Reden aufhören muss. Dass ich auch herausfinden darf, wie sich ein Mensch anfühlt, wie er riecht, wie er küsst und vielleicht sogar wie er sich im noch intimeren Zusammensein ausdrückt. Ich glaube, Sexualität ist der direkteste Weg zwischen zwei Menschen und das kann sehr spannend und bereichernd sein, wenn Achtsamkeit und Wertschätzung, Ehrlichkeit und Transparenz allen Beteiligten gegenüber als Grundsatz gilt.

Natürlich ist es nicht mehr wie früher, als wir noch frei und ungebunden waren. Mit allen Vor- und Nachteilen. Aber sich so ein Stückchen Freiheit und Selbstbestimmung zu erhalten ist uns beiden wichtig. Wenn das nicht ginge, wäre die Gefahr, in die Heimlichkeit abzudriften, wohl ziemlich groß.

2) Unsere Beziehung zueinander und unsere gemeinsame Entwicklung stehen im Mittelpunkt

Für uns ist ein wichtiges Kriterium, dass unsere Partnerschaft (die „Haupt-Partnerschaft“) durch – auch intensive – Begegnungen mit anderen Menschen nicht in Frage gestellt wird und dass Außenkontakte immer dazu beitragen, dass wir alle uns weiterentwickeln und unsere Partnerschaft sich auch intensiviert. Wir suchen keine „Lover“, weil uns als Paar etwas fehlt oder wir unzufrieden oder gar unglücklich wären, sondern weil wir neugierig sind und neue Impulse bekommen wollen.

Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit unterschiedlichen Lebens-, Liebes- und Beziehungskonzepten beschäftigt, habe Facebook Gruppen zum Thema verfolgt und viele Bücher gelesen. Es ist mir klar, dass jedes Paar – und letztlich jeder Mensch – die für sie / ihn passende, individuelle Variante von Partnerschaft mit dem richtigen Maß an Freiheit und Verbindlichkeit, Selbstbestimmung und Geborgenheit finden muss. Das kann auch sein, dass es keine Hierarchie zwischen „Haupt-“ und „Nebenpartnerschaft“ gibt und alle Beteiligten gleichgestellt sind. Das kann funktionieren, ist aber keine Option für uns, allein schon deshalb, weil wir ein gemeinsames Kind haben und das der Beziehung auf jeden Fall einen Sonderstatus gibt.

3) Mich selbst wieder neu erleben

Oft geht es aber gar nicht so sehr darum, dass der andere Mensch, dem man begegnet, so extrem spannend ist, sondern dass ICH mich in der Gegenwart dieses Menschen anders fühle. Jeder Mensch hat eine andere Energie und löst bei anderen Menschen etwas aus. Vielleicht bin ich im Zusammensein mit diesem Menschen mehr in meiner spielerischen Seite, entfalte mehr Zartheit oder mein wildes Selbst. Vielleicht fällt das mit diesem neuen Gegenüber leichter, weil der ganze „Beziehungs-Rucksack“, den ich mit meinem festen Partner schon seit Jahren herumschleppe, nicht dabei ist. Und aus dieser Begegnung kann ich wieder Impulse in die Partnerschaft mitnehmen.

Auf der anderen Seite ist die tiefe Nähe und Liebe, dieses „einander blind erkennen und vertrauen“, das große Wissen über die Vorlieben und Bedürfnisse des anderen, das „aufeinander eingestimmt sein“ mit meinem langjährigen Partner und Ehemann etwas, was sich nicht mal eben so schnell mit einem anderen Menschen „herstellen“ lässt. Und es gibt Vieles, was in unserem Zusammensein einzigartig und speziell ist, was uns niemand nehmen kann.

Trotzdem finde ich es extrem wichtig, auch in der festen Partnerschaft darauf zu achten, dass Neugier, Entdeckerlust, Abenteuer und erotische Spannung nicht zu kurz kommen. Wenn man die abenteuerlichen Dinge nur mehr mit anderen erlebt und mit dem Lebenspartner ausschließlich vertraut und innig auf der Couch kuschelt, entsteht sehr schnell ein Ungleichgewicht, dass der festen Partnerschaft nicht guttut. Aber da mache ich mir bei uns keine Sorgen…! 😉

4) Sehen, was ich an meinem Partner habe

Ein schöner Effekt bei mir war, dass mir wieder bewusst geworden ist, dass die Erotik mit meinem eigenen Mann die beglückendste ist. Und das war durchaus überraschend, weil ich eigentlich immer der Meinung war, fremde Haut muss per se aufregender und toller sein.

Und es zeigt sich auch, dass wir entspannter im Umgang mit anderen Menschen sein können, weil wir unseren Platz gefunden haben. Als ich noch Single war, habe ich doch immer eine gewisse Bedürftigkeit und den Wunsch nach Beziehung verspürt. Das hat oft zu einer Anhänglichkeit geführt, die der Begegnung die Leichtigkeit und Absichtslosigkeit genommen hat.

Ich beobachte auch immer wieder an mir , dass, wenn eine andere Frau ins Spiel kommt, die meinem Partner gefällt und er ihr offensichtlich auch, das schon was macht mit mir. Ich werde z.B. wieder wacher, ich versuche, mich noch mehr einzulassen, präsenter zu sein, meinen Platz einzunehmen… Ich sehe wieder, was für ein attraktiver Mann er ist, wie interessant er ist und höre auf, an ihm herumzunörgeln (zumindest eine Weile ;-)). Und ich denke, das ist umgekehrt auch so. Und das kommt der Beziehung auf jeden Fall zugute.

5) Sexualität in einer langjährigen Beziehung bleibt nicht automatisch spannend

Meistens ist es ja nicht so, dass die Sexualität zwischen zwei Menschen, die in einer Partnerschaft sind, viele Jahre lang einfach erfüllt bleibt. Schon gar nicht, wenn man nichts dazu tut. Und wenn man damit beginnt, z.B. auf Tantra-Seminare zu gehen oder die Erotik irgendwie öffentlicher zu leben als im eigenen Schlafzimmer, dann passiert es auch leichter, dass man andere Menschen trifft, die man attraktiv findet. Und dann ist die Frage, wie man damit umgeht.

Ich bin mir sehr sicher, dass unsere Sexualität vor allem deswegen immer besser wird, immer tiefer und inniger, und uns immer wieder überrascht, weil wir auch Impulse von anderen Menschen aufnehmen. Ja, es ist oft stressig, aufreibend, aufwühlend, es triggert alte und aktuelle Themen und ich komme immer wieder an den Punkt, wo ich mir denke: „Warum tun wir uns den Sch… eigentlich an?“ Und trotzdem weiß ich, dass wir uns durch den ehrlichen Umgang mit unseren Wünschen, Sehnsüchten, Bedürfnissen immer wieder näherkommen und besser kennenlernen.

Ein Ideal von mir wäre, dass man sich ganz entspannt erzählen kann, was man mit einem anderen Menschen erlebt und was man daraus gelernt hat. Wenn er z.B. heimkommen könnte und sagen: „Hey, weißt Du, die S. hat mich so und so angefasst und das war toll!“ Wir hatten das z.B. mal mit dem Thema „zart streicheln“ versus „kräftig anpacken“. Ich bin ja eher die Streichlerin und er fand es so toll, dass eine andere Frau ihn wirklich mit Kraft und Druck umarmt und gehalten hat. Das habe ich dann einfach mal ausprobiert und auch in mein Repertoire übernommen. Auf sowas kommt man sonst meistens gar nicht…

6) Einbindung in eine Gemeinschaft

Wir haben keine festen Nebenbeziehungen und wir haben z.B. auch noch nie bei jemand anderem übernachtet oder ein Wochenende verbracht. Das sind Gefilde in die wir uns noch nicht gewagt haben. Da muss man auch wirklich achtsam schauen, wie man das so gestaltet, dass es für alle gut ist. Ich bin sehr gespannt, wo uns unser Weg noch hinführen wird, in jeder Hinsicht! Und ich denke (und höre es von den ZEGG Leuten immer wieder) dass es enorm wichtig ist, mit diesen Themen in eine Gemeinschaft – wie z.B. eine Liebesforschungsgruppe – eingebunden zu sein. Vielleicht schaffen wir es, wenn wir dort in der Nähe wohnen, einmal eine Jahresgruppe bei der Liebesakademie oder dem Liebeskunstwerk zu machen. Das würde uns bestimmt noch einen guten Schritt weiterbringen und manches erleichtern.

7) Redet über Eure Vorstellungen – möglichst früh!

Alles in allem kann ich sagen, dass die klassische Monogamie für uns nie eine echte Option war. Im Gegenteil, ich glaube, dass mich diese Prägung lange daran gehindert hat, überhaupt eine feste Bindung einzugehen, weil ich Angst hatte, meine Freiheit komplett aufgeben zu müssen. Erst jetzt, wo ich mit meiner ganzen Vielfalt, mit meiner ganzen Fülle an Wünschen und Bedürfnissen da sein darf, und das auch meinem Partner ermöglichen kann (ob dann auch alles ausgelebt werden muss ist eine andere Frage), können wir uns auch innerhalb unserer festen Partnerschaft entfalten.

Und ich bin sehr froh, dass wir uns dieser Frage gleich am Anfang gestellt haben und nicht – wie die meisten anderen Paare – einfach automatisch davon ausgegangen sind, dass Monogamie das Modell der Wahl ist. In diesem Sinne möchte ich Euch, liebe Leserinnen und Leser, eine Empfehlung mitgeben: Sprecht möglichst früh – und immer wieder!! – über Eure Vorstellungen von Beziehung, Exklusivität und Öffnung. Damit erspart Ihr Euch später womöglich eine ganze Menge Ärger!

Foto: pexels.com

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hayat sagt:

    Wahre Worte zum Schluss. Schön wenn es für euch so gut funktioniert 🙂

  2. Danke für deinen offenen Beitrag. Ich lebe inzwischen schon recht lange in einer monogamen Beziehung (12 Jahre) und am Anfang habe ich mit meinem Mann auch viel darüber gesprochen, was für uns denkbar wäre. Ich war 19 und aufgeschlossen. Er schloss allerdings solche Liebschaften aus und ich habe das Thema irgendwann auch nicht weiter verfolgt. Momentan kann ich es mir auch gar nicht mehr vorstellen. Ich bin jetzt 31 und habe auch Kinder – die Intimität ist voll ausgelastet. Trotzdem fand ich es sehr interessant, zufällig über deinen Beitrag zu stolpern und zu lesen, wie ihr es meistert. Viele Grüße aus Dresden

    1. mysexysalad sagt:

      Danke für Deinen Kommentar! 😃 Wer weiß, was das Leben noch so bringt. Es gibt immer Phasen im Leben, wo unterschiedliche Dinge wichtig sind. Auch bei mir. Liebe Grüße!

  3. PitRum sagt:

    Wunderbarer Text.
    Für mich hast du die Gründe für die Nicht-Monogamie gut und umfassend dargestellt. Schön wäre es, wenn beide Partner so eine Auffassung gemeinsam teilen und dafür gehen.

    „Warum tun wir uns den Sch… eigentlich an?“
    Das kann ich so gut nachvollziehen … und hier liegt das große Wachstumsfeld einer Beziehung, die Lebendigkeit in der Auseinandersetzung darüber.

    1. mysexysalad sagt:

      Ja, genau. Lebendige Beziehung, sich selbst und einander nicht einsperren und „zurecht stutzen“… dafür gehe ich. Und mein Mann zum Glück auch! ❤

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