Was wollen Frauen wirklich?

Klassischerweise gestehen wir Frauen eher eine romantische, gefühlvolle, zärtliche Sexualität zu, die innerhalb einer festen, vertrauten Partnerschaft zum Erblühen kommt. Frauen brauchen länger, um erregt zu werden, haben erogene Zonen am ganzen Körper (man erinnere sich an die typischen Darstellungen aus dem Sexualkunde-Unterricht, wo bei Frauen viele Pfeile auf viele Stellen zeigten und bei Männern viele Pfeile an genau eine Stelle…!) und müssen erst entspannt sein um dann Sex haben zu können (während Männer Sex haben um sich zu entspannen). Soweit ein paar gängige Annahmen.

Besonders meine Bekanntschaft mit der Bloggerin Lotta Frei, die ihrem Namen gemäß sehr FREIzügig über ihre Erlebnisse in Swingerclubs erzählt, hat mich in letzter Zeit  zum Nachdenken gebracht. Was, wenn eine Frau, anstatt stundenlangen tantrischen Slow Sex bei Kerzenlicht und romantischer Musik zu bevorzugen, lieber in einen entsprechenden Club geht um dort mit einem Mann nach ein paar Blickkontakten und ein paar gewechselten Worten innerhalb kürzester Zeit „auf der Matte“ zu landen und heftigen, wilden Sex zu haben? Und wenn sie das womöglich sogar noch genießt und immer wieder macht?

Darf sie das? Ist das „unweiblich“? Ist es überhaupt möglich, dass sie das genießt, oder glaubt sie das nur, weil sie keine Alternativen zu unserer männlich geprägten Porno-Sex-„Kultur“ kennt (abseits vom rosa-plüschigen Schmuse-Kuschel-Sex, der tatsächlich nicht jederfraus Sache sein muss…)?

Was sagt die Wissenschaft?

Im Buch „Die versteckte Lust der Frauen“ beschreibt Daniel Bergner eine mittlerweile vielzitierte und vieldiskutierte Studie der amerikanischen Forscherin Meredith Chivers. Dabei wurde bei den Probandinnen mittels eines Plethysmographen (eine Miniglühbirne mit einem Lichtsensor, die in die Vagina eingeführt wird) die Durchblutung und damit Befeuchtung der Vagina gemessen, während sie verschiedene Pornos (hetero- und homosexuelle, und sogar eines mit kopulierenden Bonobos) sahen. Gleichzeitig sollten die Frauen über eine kleine Tastatur eine Selbsteinschätzung ihrer Erregung geben.

Bei der Auswertung der Ergebnisse stellte sich heraus, dass die gemessenen Daten mit der Selbsteinschätzung kaum übereinstimmten, sondern sich viel mehr daran orientierten, welche Art von Erregungsreizen sich die Frauen selbst zugestanden. Die lesbischen Frauen gaben an, nur von den weiblichen Darstellerinnen erregt zu werden, während ihre Genitalien von fast allen Filmen gleichermaßen begeistert waren. Fast keine Frau gab an, von der Szene mit den Affen angeturnt zu sein – obwohl sie es laut Messergebnissen fast alle waren.

(Als Männer in einem ganz ähnlichen Setting getestet wurden, gab es eine signifikant höhere Übereinstimmung.)

Es ist spannend, über die Rückschlüsse zu lesen, welche die Forscherinnen aus den Studien ziehen – über kulturelle Prägung, wie gut Frauen ihren Körper und seine Reaktionen kennen, wie sehr sie sich trauen, sich selbst als sexuell aktive Wesen zu sehen und das auch nach außen zu zeigen. Nach den Erkenntnissen aus der Studie ist die weibliche Libido mit den Worten Daniel Bergners „anscheinend ein Allesfresser“.

Es gibt aber eine Frau, die in ihrem Buch ganz vehement gegen diese Interpretation der Studienergebnisse zu Felde zieht, ja sie sogar für sehr gefährlich hält: Emily Nagoski in „Komm wie du willst“.

Nichtübereinstimmung: feucht ist nicht gleich erregt (und umgekehrt)

Nagoski erklärt, dass die genitale Reaktion von sexuell „relevanten“ Reizen ausgelöst wird – das Gehirn erkennt, dass es sich bei dem Gesehenen um eine sexuelle Situation handelt und schickt die entsprechenden Signale an die Genitalien. Genitale Reaktion ist die automatische, angelernte Reaktion auf alles, was sexuell relevant ist (ähnlich einem Pawlowschen Reflex). Das sagt aber nichts darüber aus, ob diese Reize für die Person auch sexuell „ansprechend“ sind. Das wiederum hängt besonders bei Frauen sehr stark vom Kontext ab – in welcher Situation und in welcher Stimmung sie sich gerade befindet.

Nagoski warnt: „Wenn wir bei dem falschen Glauben bleiben, dass die genitalen Reaktionen von Frauen widerspiegeln, was Frauen wirklich wollen oder mögen, dann müssen wir auch daraus schließen, dass eine Frau eine Vergewaltigung „eigentlich“ mochte oder wollte, weil ihre Genitalien dabei reagierten. Was nicht nur Quatsch ist, sondern gefährlich.“

Wer weiß nun wirklich, was einer Frau gefällt?

Wenn es nicht die körperlichen Signale sind, die zuverlässig Auskunft darüber geben, was eine Frau erregt – was kann es dann? Die einzige Antwort ist: die Frau selbst! Und die Frau kann es erst, wenn sie sich erlaubt und in der Lage ist, herauszufinden, was sie mag. Wenn sie anfängt, zu forschen und zu experimentieren. Und zwar nicht, um sich und anderen zu beweisen, dass sie so „funktioniert“, wie die Welt und die Gesellschaft es von ihr erwarten, sondern mit offenem Ergebnis.

Eine Frau darf in den Swingerclub gehen und es darf ihr gefallen. Oder auch nicht. Sie darf mehrere Männer haben oder Sex mit Frauen gut finden. Sie darf Dinge ausprobieren und dabei auf die Nase fallen. Auch das. Sie darf Verantwortung für ihr eigenes Erleben übernehmen.

Woher sollen wir wissen, was uns gut tut, wenn wir nicht ab und zu etwas ausprobieren und nachher feststellen, dass es doch nicht so gut war? Selbstermächtigung beinhaltet auch das Recht, Fehler zu machen. Oder aber etwas zu entdecken, das man liebt und das das  Potential hat, das eigene Leben komplett zu verändern und enorm zu bereichern. Egal ob es der Gesellschaft gefällt oder nicht.

 

 

 

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Lion Logert sagt:

    Danke für den schönen Beitrag. Gesellschaftlich ist es heute immer noch schwierig für Frauen. Stigmatisierung ist schnell passiert. So gut es geht, cool bleiben und weiter sein Ding machen.

    Ausprobieren. Spielen. Sich Imperfektion eingestehen. In der Kommunikation mit dem Partner offen bleiben, auch wenn es mal einen ‚awkward moment‘ gibt. Genießen und Sexualität weiter vertiefen. The journey goes on.

    Außerdem: Hast Du Dich schonmal mit Sex Transmutation beschäftigt? Anhand Deines Blogs glaube ich das könnte Dich interessieren 🙂
    Habe hier mal einen Beitrag dazu geschrieben https://lionlogert.com/2018/11/17/sex-energie-fuer-erfolg/
    Vielleicht was für Dich, mit weiteren Verlinkungen.

    Nun noch ein schönes Wochenende!

    Liebe Grüße

    Lion

    1. mysexysalad sagt:

      Hallo Lion, schön, dass Dir mein Artikel gefällt. Ich hab Deinen auch gelesen. Kennst Du das Buch „Magie des Tantra“ von Margot Anand? Da ist mir die Idee, die Schöpferkraft, die der Sexualität innewohnt, auch für andere Zwecke zu nützen, als für’s Kinderkriegen, vor vielen Jahren zum ersten Mal begegnet. Wirkt aber – wie alle anderen Dinge – nur, wenn man es über lange Zeit konsequent tatsächlich praktiziert. Nur mal davon gehört haben nützt leider noch nichts, sonst wäre ich schon längst reich, berühmt und mächtig ;-). Im Ernst – mir geht es eher darum, Sexualität von allem Druck, von allen Konzepten, von allen Absichten und allem Wollen zu befreien und einfach den Moment, die lebendige Begegnung zu feiern. Ich stelle mir das ziemlich seltsam vor, wenn ich meinem Partner tief und intim begegnen will, und dann flüstert er mir Affirmationen ins Ohr, die mit unserem momentanen Erleben überhaupt nichts zu tun haben… Hast Du das schon ausprobiert? Liebe Grüße
      Bee

  2. Lion Logert sagt:

    Hi Bee, das Buch kannte ich noch nicht, habe es mir notiert.

    Sex Transmutation braucht sicherlich etwas Übung, da würde ich zustimmen. Das ist ja bei den meisten Dingen so. Gerade am Anfang ist es schwierig, sich in Erregung noch für irgendetwas anderes zu interessieren. Andererseits ist das ein wunderbarer Indikator: Was Dich in Deiner Erregung noch begeistern kann, das hat definitiv eine besondere Anziehungskraft für Dich.

    Mir geht es dann darum, das Leben insgesamt mit sexueller Energie anzureichern und zu verfeinern. Kennst Du das, wenn Du bei irgendeiner Aktivität oder bei einem Lied oder einem besonders guten Gericht etwas wie Erregung empfindest? Das kannst Du ausweiten und ganzheitlich werden lassen. Dann bekommt das Wort ‚Lebenslust‘ eine völlig neue Bedeutung 😉
    Und das heißt nicht, dass Dein Sex dadurch mit Druck, Absichten oder Konzepten überladen wird. Im Gegenteil kannst Du Sexualität dann in noch anderen Dimensionen und Tiefen erleben. Es wird ein noch intensiveres Erlebnis.

    Was sagst Du dazu?

    Deine abschließende Frage muss ich verneinen. Werde das aber definitiv noch ausprobieren.

    Einen schönen Abend

    Lion

    1. mysexysalad sagt:

      Hallo Lion,

      tja, die Sache mit den unterschiedlichen Begrifflichkeiten aus den unterschiedlichen Welten… man vermutet, dass man Ähnliches meint, ist sich aber dann doch nicht so ganz sicher… 😉

      Ich meinte nicht „Übung“ im Sinne von „so lange üben, bis ich es kann“, sondern „Praxis“ im Sinne von „ich mache es über einen längeren Zeitraum sehr regelmäßig, um damit zu forschen, um zu sehen, wie es auf mich wirkt, wie es mich verändert, um überhaupt längerfristige, tiefergehende Auswirkungen zu sehen…“ – so wie Meditationspraxis, Yoga-Praxis, Tantra-Praxis. Das ist nicht so sehr zielorientiert wie bei uns im Westen 😉

      Und das, was Du als „das Leben insgesamt mit sexueller Energie anzureichern“ bezeichnest, würde ich „Ekstase im Alltag“ nennen. Sexuelle Energie = Lebensenergie = Schöpferkraft. Ja, das ganze Leben kann ekstatisch sein! Das ist wunderbar, wenn Du das entdeckst und immer mehr lebst!

      Viel Freude und Lebenslust wünscht Dir
      Bee

      1. Lion Logert sagt:

        Hallo Bee, ich glaube so weit liegen wir gar nicht auseinander mit unserem jeweiligen Verständnis von Übung und Praxis. Jedenfalls meine ich damit beides – die ‚Ausdauer‘ und die ‚Meisterschaft‘.
        Das sind für mich Aspekte der steten Beschäftigung und Hingabe an den eigenen Weg. Je länger Du dabei bleibst, desto besser wirst Du einerseits und desto intensiver und facettenreicher erlebst Du andererseits nach und nach 🙂

        Danke für die guten Wünsche und für Dich natürlich das gleiche!
        Lion

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