Wie „Slow Sex“ und ein „Handarbeitskurs“ unseren Sex besser machen können

Ja, das Reden über die eigene Sexualität in all ihren Facetten ist ein wichtiger erster Schritt. Geschützte Räume, um auch praktische Erfahrungen mit Begegnung, Berührung und Grenzen machen zu können, sind der nächste. (Dieser Artikel ist zuerst auf Edition F erschienen, und ich möchte ihn Euch nicht vorenthalten!)

Was ist guter Sex?

Silvia Follmann stellt in ihrem Artikel „#Metoo: Es ist keine Option, nicht über schlechten Sex zu sprechen” die Frage: „Wieso fällt es so schwer, einordnen zu können, warum sich eine Situation schlecht anfühlt und ob Grenzen überschritten wurden?”

Wir müssen uns dabei bewusst sein, dass es sich um eine sexuell aufgeladene Situation handelt. Und dass uns niemand beigebracht hat, mit sexueller Ladung umzugehen. Die gängige Vorstellung von Sex ist, dass er heiß, laut und animalisch ist. Dass es um Nicht-mehr-denken und Kontrollverlust geht, wenn Sex das Prädikat „gut” verdienen soll. Das Bild willenloser Frauen, die alles mit sich machen lassen, und dabei auch noch unglaublich viel Spaß zu haben scheinen, sind in den Köpfen der „Generation Porno” fest verankert.

Die „Slow Sex”-Bewegung

Ein Silberstreifen am Horizont ist gegenwärtig die „Slow Sex”-Bewegung, die immer mehr Anhänger findet. Dabei geht es um eine wunderbare Möglichkeit, eine andere Art der sexuellen Begegnung zu erfahren, achtsam und absichtslos. Es geht nicht um die Jagd nach dem Orgasmus, es geht nicht um ein Maximum an Geilheit, es geht um echten Kontakt zwischen den Partnern, um eine fast meditative Präsenz, in der alles wahrgenommen wird, was gerade da ist.

Aber auch bei anderen Liebeslehren – zum Beispiel dem Tantra – gibt es viel Wertvolles, das wir uns abschauen können, um auch bei uns eine neue Kultur der bewussten Sexualität zu erschaffen. Hier kann man zum Beispiel lernen, auch in hocherotischen Situationen entspannt, bewusst und klar zu bleiben. Bei sich zu bleiben, um überhaupt wahrzunehmen, wenn sich etwas nicht richtig anfühlt. Sich auch auf einem hohen Level sexueller Aufladung noch zu entspannen und absichtslos zu bleiben.

Holen wir doch endlich alternative Ansätze zur gängigen Sexualität aus der Schmuddelecke und lernen von ihnen!

Sex ist mehr als ein Orgasmus

Vor zehn Jahren wurde man noch schräg angeschaut, wenn man zum Yoga ging. Heute wird man schon fast schräg angeschaut, wenn man nicht zum Yoga geht. Ich denke, mit Tantra wird es sich ähnlich entwickeln. Wenn wir keine eigene Liebeskultur haben, dann ist es nur legitim, sich bei anderen Kulturen umzuschauen, und von ihnen zu lernen.

Wenn die Absichtslosigkeit in der Sexualität Einzug hält, wenn es also nicht mehr um den Super-Orgasmus geht sondern um die ekstatischen Gefühle, die aus dem schlichten sexuellen Beisammensein in Vereinigung entstehen können, dann stellt sich die Frage nicht mehr, ob ich es jetzt „bis zum Schluss durchziehen muss”, weil ich es ja „mitangeleiert habe”. Dann zählt immer nur der Moment, und ob beide ihn gerade genießen. Und wenn das eben nicht der Fall ist, dann muss ich auch nicht weitermachen!

Ich kann Silvia Follmann nur aus ganzem Herzen zustimmen, wenn sie schreibt, dass wir über Sexualität in all ihren Facetten reden müssen, privat und in der Öffentlichkeit, und vor allem ehrlich und sehr persönlich. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter und sage, dass es auch sichere Übungsräume braucht, in denen jede und jeder praktisch lernen und ausprobieren kann, wie echtes In-Kontakt-Kommen funktioniert, wie sich stimmige Berührung anfühlt und wie man die eigenen Grenzen auch in nicht alltäglichen Situationen wahrnimmt und deutlich absteckt. Dazu kommt hilfreiches Feedback von den Übungspartnern, ob die Signale auch eindeutig angekommen sind.

Tantra-Schnuppertage, Slow-Sex-Online-Kurse und „Handarbeitsabende”

Zum Glück gibt es immer mehr Möglichkeiten, sich über die Vielfalt sexueller Ausdrucksformen zu informieren und diese in geschütztem Rahmen auszuprobieren. Online-Kongresse zum Thema schießen förmlich aus dem Boden, es gibt „Handarbeitsabende”, bei denen die weibliche und männliche Intim-Massage am künstlichen Modell geübt wird, Workshops für Frauen um sich selbst und den eigenen Körper besser kennenzulernen, Tantra-Schnuppertage, Slow-Sex-Online-Kurse und noch vieles mehr.

Ich sehe auch immer mehr junge Frauen, die äußerst selbstbewusst, mit Mut und Klarheit in ihren Blogs, Podcasts und Videos offen über Sexualität sprechen. Das gibt mir Hoffnung, dass ein unaufgeregter, natürlicher und entspannter Umgang mit einem der elementarsten Themen unseres Mensch-Seins nicht mehr weit sein könnte.

 

Foto: Unsplash

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