Radikal ehrliche Beziehungen

Was verheimlichst Du vor Deinem Partner? Wo bist Du nicht so ganz ehrlich? Was ist Dir peinlich, und wo hast Du Angst, abgelehnt oder verurteilt zu werden? In einem Workshop über „Radikale Ehrlichkeit“ haben wir uns diesem Thema gestellt.

Lügen macht krank

Etwa 30 Menschen, Frauen und Männer, jüngere und ein paar ältere, versammelten sich in einem Studio in München, um sich von Christoph Fink und Selina Jung erklären zu lassen, was es mit dem Konzept von „Radical Honesty“ auf sich hat. Erdacht hat es der Amerikanische Psychotherapeut Dr. Brad Blandon, dessen Kernaussage ist: „Lügen macht uns krank“.

Zum Einstieg veranschaulichte Christoph das Thema sehr deutlich anhand seiner eigenen Geschichte: Wie er immer versucht hatte, besser dazustehen als er sich wirklich fühlte. Wie er Masken trug um zuerst seinem Vater, dann seinen Kumpels und den Frauen seiner Wahl zu gefallen. Wie er im Kampfsport das Letzte aus sich herausholte, um andere zu beeindrucken. Und wie er sich nach dem großen Erfolg, um den er so lange gekämpft hatte, hohl und ausgebrannt gefühlt hatte.

Für mich war sehr aufschlussreich zu erfahren, welchen Stress Männer sich oft machen, um sich bedeutend und geliebt zu fühlen. Und welchen Mechanismus Zurückweisung auslösen kann. Christoph erzählte: „Nach dem großen Sieg umarmte sie mich kurz, dann drehte sie sich um und ging. Da beschloss ich, einmal sehr erfolgreich zu sein – dann würden Frauen sich bei mir bewerben und ich könnte sie ablehnen.“

Es war berührend, diesen jungen Mann in schonungsloser Ehrlichkeit über sein Leben erzählen zu hören. Und da sind wir schon genau bei dem Punkt, was radikale Ehrlichkeit bewirken kann: sie ermöglicht Verbindung, Intimität und Berührt-Sein. Wenn Du den Mut aufbringst, Dich wirklich zu zeigen, auch mit Deinen „dunklen Punkten“ aufzuräumen und sie nicht mehr zu verstecken, wenn Du ganz konkret bei dem bleibst, was Du in Deinem Körper fühlst und Deine Empfindungen beschreibst, baust Du Brücken zu Deinen Mitmenschen – in jedem Gespräch das Du führst.

Ganz besonders in der Beziehung zu Deinem Partner oder Deiner Partnerin kann das ehrliche Aussprechen von Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen zu einer ganz neuen Tiefe und Vertrautheit führen.

Kleiner Exkurs in die Paartherapie

Wenn ein Familienvater sein liebstes Hobby, das Motorrad fahren, aufgibt, um seine Frau mit den drei Kindern zu unterstützen, dann kann man das als großherzigen Verzicht seiner Familie zuliebe betrachten. Wenn er aber weder sich selbst noch seiner Frau eingesteht, dass er Sehnsucht nach dem Gefühl von Freiheit und Abenteuer hat, das sich beim Motorrad Fahren immer eingestellt hat, sondern nur langsam im Alltag und in der Pflichterfüllung „vertrocknet“, dann tut er niemandem etwas Gutes.

Er traut sich nicht, darüber zu reden, weil er Angst hat, seine Frau hätte kein Verständnis dafür und würde ihn für seine Selbstsucht verurteilen. Erst in der Paartherapie, kurz vor dem Scheitern der Ehe, kommt heraus, dass die Frau ihrerseits Sehnsucht nach dem motorradfahrenden Abenteurer hat, in den sie sich vor Jahren verliebt hatte. Sie können endlich wieder über ihre Träume und Wünsche reden und gemeinsam Möglichkeiten finden, wie sie trotz Alltag und Familie zumindest ab und zu realisiert werden können. Das bringt ihnen beiden eine große Erleichterung und sie einander wieder näher.

Üben, Wünsche auszusprechen

Damit es soweit gar nicht kommen muss, probieren wir am Nachmittag in einer Übung selbst aus, konkrete Wünsche zu formulieren. „Ich möchte mit Patrick und Eva darüber sprechen, wie sich Wut bei ihnen anfühlt und wie sie damit umgehen.“ „Ich möchte Kathrin lange in die Augen schauen und sie umarmen, wenn es für uns beide passt.“ „Ich mag es, wenn mich eine Frau anspricht, die ich noch nicht kenne und sie mir dadurch zeigt, dass sie mich wahrnimmt.“ Manchmal kostet es ziemliche Überwindung, solche Wünsche auszusprechen, aber immerhin steigt damit die Chance signifikant, sie erfüllt zu bekommen. Und so wirken am Ende des Tages alle ziemlich entspannt und wollen – in echten Kontakt und authentische Gespräche vertieft – gar nicht heimgehen.

Für meinen Liebsten und mich war es immer ein Ziel, keine Heimlichkeiten in unsere Beziehung einziehen zu lassen. Obwohl wir auch den Reiz des Heimlichen und Verbotenen kennen – aber selbst darüber können wir sprechen und Abmachungen treffen. Wir empfinden es als ungemein erleichternd und entspannend, uns so zeigen zu können, wie wir sind: einmal strahlend und präsent, dann wieder schwach und verletzlich, wütend oder liebevoll, unsicher oder egozentrisch. Um aber auch die „kleinen“, verborgenen Unwahrheiten aufzuspüren, die unter der Oberfläche lauern, und die uns nicht einmal selbst bewusst sind, werden wir bestimmt wieder einmal einen „Radical Honesty“ Workshop besuchen!

http://www.radikaleehrlichkeit.de

 

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