Tantra und ich

Den gerade laufenden Tantra Online Kongress und meine neue Zusammenarbeit mit dem SkyDancing Tantra Institut habe ich zum Anlass genommen, mich zu fragen, was Tantra für mich ganz persönlich bedeutet, wie es in meinem Leben wirkt und was ich davon weitergeben möchte.

Frühe Begeisterung

Meine erste Begegnung mit Tantra hatte ich – ich war Anfang 20 – auf einer Esoterik-Messe. Ich kam an einen Stand, wo ein Video gezeigt wurde, in dem sich ein Paar am Boden gegenüber saß. Der Mann und die Frau hielten einander an den Händen und hatten intensiven Blickkontakt, während ihre Körper sanft hin und her wiegten. Das innige, intime und liebevolle Einverständnis zwischen den beiden ließ sich an ihrem Gesichtsausdruck so klar ablesen, dass ich sofort spürte: „Das will ich auch erleben!“

Als ersten Schritt erwarb ich das Buch „Tantra – die Kunst der sexuellen Ekstase“ von Margot Anand. Ich war fasziniert und begeistert, dass es offenbar Bücher gab, in denen man genaue Erklärungen und Beschreibungen zum Liebesspiel und zu intimen Massagen finden konnte – sogar mit exakten Zeichnungen illustriert! Ich vertiefte mich sofort darin. Viele Übungen ließen sich auch ohne Partner durchführen, und so begann ich mit Atmung, Achtsamkeit und Visualisierung zu experimentieren.

Wenig später lernte ich eine Frau kennen, die Tantra Seminare besuchte. Damals war ich ziemlich „hungrig“ nach Beziehungen, fühlte mich verwirrt und bedürftig. Meine Bekannte riet mir, einen Schnupper-Abend bei ihren Tantra-Lehrern zu besuchen. Sie meinte: „Dort gibt es große „Kuschelhaufen“, wo man unerfüllte kindliche Bedürfnisse nach Nähe, Wärme, Geborgenheit und absichtslosen Berührungen „nachnähren“ kann.“

Das berührte eine tiefe Sehnsucht in mir und so buchte ich das Wochenend-Seminar „Die Kunst der Berührung“, das sogar an der örtlichen Volkshochschule angeboten wurde.

Langsam und achtsam

Es ging vor allem darum, betont langsam und achtsam mit uns selbst und unseren Partnern umzugehen. Meistens sind wir in Begegnungen, vor allem in sexuellen, viel zu schnell, und gehen dadurch viel zu leicht über unsere eigenen Grenzen und die des anderen hinweg, ohne es überhaupt zu bemerken. Also übten wir uns in millimeterweiser Annäherung und Zeitlupen-Berührungen.

Ich lernte auch die Vorteile kennen, wenn drei oder mehr Menschen eine Übungsgruppe bilden, gegenüber der Variante, wenn als Paar geübt wird. Hat man nur ein Gegenüber, rattert das Gehirn gleich munter los: „Findet er mich attraktiv? Mache ich alles richtig? Wenn er mich fragen würde – soll ich danach noch etwas mit ihm trinken gehen?“

Bei mehreren Partnern, die einen – womöglich noch mit Augenbinde – gleichzeitig berühren, kommt das Gehirn nicht mehr mit. Es registriert nur mehr die Berührung selbst und hört sehr schnell damit auf, herausfinden zu wollen, von wem die Berührung kommt. Das kann Entspannung und Hingabe sehr fördern, und so hatte ich mein erstes Erlebnis mit tiefem Loslassen in einer Übung mit fünf Mitspielern, die jeder sehr langsam und achtsam meine Beine, meine Arme und meinen Kopf bewegten. Wundervoll!

Und bevor das jetzt gleich das große Kopfkino losgeht – wir waren bei diesen Übungen alle angezogen! 😉

Das Paradies… oder doch nicht?

Ich war überwältigt. Ich hatte das Gefühl, mein Paradies entdeckt zu haben. Natürlich wollte ich sofort das nächste Seminar besuchen. Meine Sehnsucht nach Liebe, Nähe und Zärtlichkeit war ungebrochen. Also meldete ich mich zu einer Sommerwoche an. Hier erlebte ich zum ersten Mal auch sexuelle Begegnungen im „Tempel“, abends, nach Ende des „offiziellen Teils“. Es war sehr heilsam für mich, einfach so dabei sein zu dürfen, wenn ein Paar sich liebte. Da war nichts Peinliches, Heimliches oder Verschämtes. Es war ganz natürlich und sehr befreiend.

Doch so unausweichlich, wie einem nach einer Phase der totalen Verliebtheit langsam auch die ersten Schattenseiten am Partner auffallen, so begann auch bald mein Bild von der „heilen tantrischen Welt“ zu bröckeln. Ich bemerkte Eifersüchteleien, eine gute Portion Lüsternheit und sexuelle Fixierung – kurz: es „menschelte“ auch hier im vermeintlichen „Paradies“ ganz ordentlich.

Trotzdem überwog die Faszination. Ein paar Monate später war ich am nächsten Seminar. Es war sehr tränenreich, weil es viele Gefühle an die Oberfläche brachte – Trauer, Ängste, Verletzungen – und die Seminarleiterin stellte mir einen „Bruder“ an die Seite, der mich „auffangen“ sollte. Das tat er mit viel Hingabe, und natürlich verliebte ich mich sofort in ihn.

Wir wurden ein Paar. Das stillte zwar meine Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung, war in dem tantrischen Feld, in dem wir uns bewegten, aber auch nicht unproblematisch, insbesondere, da sich dieses Tantrainstitut als gar nicht unterstützend in Bezug auf Paare herausstellte. Das Credo war: „Tantrisch bin ich dann, wenn ich in jedem Menschen – auch in einem Bettler – das Göttliche erkennen kann“. Und das sollten wir mit wechselnden Partner üben. Mit unserem eigenen Partner konnten wir doch bitteschön zuhause zusammen sein. Das mag zwar theoretisch eine korrekte tantrische Sichtweise sein – für eine verliebte junge Frau war das nicht hilfreich.

Mein Freund und ich stürzten uns trotzdem weiterhin in Workshops, Übungsabende und Seminarwochenenden. Mittlerweile hatte sich eine richtige Clique gebildet, die immer und überall dabei war, und ich litt fürchterlich, wenn ich aus irgendeinem Grund nicht mitkommen konnte. Meine Mutter sagte später zu mir: „Wenn ich nicht selbst einmal bei einem Abend dabei gewesen wäre – ich hätte geglaubt, ihr seid bei einer Sekte gelandet!“

Ich wurde immer abhängiger von dieser Gruppe, steckte eine Menge Geld in die Seminare, merkte aber auch selbst schon, dass das nicht gut für mich war. Schließlich ergab sich die Situation, dass mein Freund auf das Osterseminar fahren wollte und ich aus beruflichen Gründen nicht konnte. Wir hatten einen heftigen Streit und schließlich fuhr er ohne mich. Das war der Anfang vom Ende unserer Beziehung und auch erstmal das Ende meiner Tantra-Karriere.

Keine klaren Grenzen

Ich war so offen und begeisterungsfähig, so eifrig, eine „gute Schülerin“ zu sein, so leicht zu beeindrucken und so bereit, zu vertrauen und mich voll einzulassen. Ich war noch nicht reif genug, die „Meister“ zu hinterfragen, kritisch zu sein, mich nicht in den Strudel von sexuellen Möglichkeiten und Verlockungen hineinziehen zu lassen. Es war gut, das dieser „Spuk“ nun erstmal zu Ende war.

Leider nahmen es die beiden Lehrer in diesem Institut mit der Grenze zwischen sich und den TeilnehmerInnen auch nicht so genau. Ausgewählte „Günstlinge“ wurden zu privaten Parties eingeladen und durften sich den „Meistern“ auch mal erotisch nähern. Doch auch das hinterfragte ich damals nicht kritisch sondern setzte alles daran, ebenfalls zu diesem ausgewählten Zirkel zu gehören.

Das ganze ist jetzt beinahe zwanzig Jahre her. Ich hoffe, dass diese Gebräuche inzwischen der Vergangenheit angehören. Zum Glück durfte ich in den letzten Jahren ganz andere Erfahrungen mit Tantra und Tantraschulen machen. Und hier beginnt die eigentlich „Erfolgsgeschichte“ von Tantra und mir.

Wieder zurück im tantrischen Feld

Einige Jahre hatte ich keine Berührungspunkte mit Tantra. Aber ich erinnerte mich doch immer wieder an die schönen Erlebnisse in den Seminaren: die festliche Stimmung bei den Ritualen, die Art, wie sich die Empfindungsfähigkeit meines Körpers verändert hatte, die schönen Begegnungen mit interessanten Menschen, die Meditationen, die Umarmungen, das Gefühl von Geborgenheit und Angenommen-Sein, das sich immer wieder eingestellt hatte…

Meine Homöopathin gab schließlich den Ausschlag, als sie mir ganz direkt vorschlug, mal wieder auf ein Tantraseminar zu fahren. Ein knappes Jahr davor war mein Vater plötzlich verstorben, und ich litt immer noch unter seinem Tod. Offenbar war die Frau Doktor der Meinung, dass mir eine gute Portion Lebendigkeit, Lebensfreude und Sinnlichkeit nicht schaden konnten.

Also begab ich mich auf die Suche nach einem vertrauenswürdigen Institut. Hier schließt sich der Kreis zu den Büchern von Margot Anand, die mir einst des Weg gewiesen hatten, denn ich entschied mich für ein Jahreswechselfest von SkyDancing Tantra. Es stellte sich heraus, dass mir meine frühen Erfahrungen mit Tantra nun doch zugute kamen, denn ich fühlte mich sofort wieder zuhause. Mein Körper erinnerte sich an Kundalini-Meditation und Chakra-Atmen als hätte ich sie gestern zuletzt gemacht. Eine Freude und Glückseligkeit durchströmten mich, die ich lange nicht mehr gekannt hatte.

So ein tantrischer Event ist ja immer auch eine große Partnerbörse. Ich lernte mehrere interessante Männer kennen, und mit dem besten fuhr ich nachhause. Heute sind wir verheiratet. Wir besuchten gemeinsam das „Training in Ekstase und Liebe“ und das „SkyDancing Teacher Training“. Wir sind beide überzeugt, dass es auch diesem starken energetischen Feld zu verdanken ist, dass wir unser Kind empfangen haben.

Was bedeutet Tantra denn nun für mich?

Was hat es in meinem Leben bewirkt und was möchte ich davon weitergeben?

Es hat mir die energetischen und spirituelle Komponenten der körperlichen Vereinigung zwischen Mann und Frau offenbart.

Es hat mich in vielem freier gemacht – im Denken, Fühlen und Handeln.

Ich habe mich viel besser kennengelernt.

Ich habe gelernt, gut auf mich aufzupassen und selbst die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, anstatt sie irgendeinem „Guru“ zu überlassen.

Ich habe ganz viele Möglichkeiten kennengelernt, anderen Menschen zu begegnen und mich mit ihnen auf einer tiefen und authentischen Ebene auszutauschen.

Ich habe gelernt, Gefühle bewusst wahrzunehmen, durch sie hindurch zu atmen und sie zu transformieren, anstatt ins Drama zu gehen.

Ich habe erlebt, wie schön und tragfähig eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten sein kann, die sich gegenseitig unterstützt und bestätigt.

Ich habe körperliche und psychische Blockaden gelöst, mich von einigen alten Mustern und Konditionierungen befreit und mich mit meinem Körper versöhnt.

Und noch so vieles mehr…

Tantra ist mein Weg, er hat mich geprägt und wird es weiter tun. Ich kann nur einen spirituellen Weg gehen, der auch meine Körperlichkeit und Sexualität miteinbezieht, alles andere entspricht nicht meinem Wesen. Ich liebe es, Herz, Sex und Spirit in Einklang zu erleben, mich auszudehnen und mit allem verbunden zu fühlen. Und das möchte und werde ich auch weitergeben.

(Ein weiterer Artikel, den ich über unsere Tantra-Erfahrungen geschrieben habe, ist „Der Energiekreislauf zwischen Frau und Mann.“)

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Gerd sagt:

    Liebe Brigitte, es ist schön von dir zu lesen UND dich zu kennen. Wenn auch nur kurz. Beim ZEGG Sommercamp habe ich dich in unserer Runde als Vulkan beschrieben. Als eine Frau, die brennt. Tantra ist eine Lebenseinstellung. Und obwohl ich nur ein einziges Seminar dazu besucht habe, weiss ich, dass ich danach lebe. Langsamkeit, Achtsamkeit und Respekt. Das lebe ich schon viele Jahre. Und unbändige Lust. Leider konnte ich den Part Lust mit meiner Frau nicht leben.
    Du hast deinen Mann gefunden (den ich sehr mag) und lebst alles aus. Davor verneige ich mich.
    Ich freue mich von dir zu lesen und sehe dann deine glänzenden Augen und deine enorme weibliche Energie, als du im Kreis von dir gesprochen hast, vor mir.
    Namaste liebe Brigitte und liebe Grüße an deinen Mann.
    Gerd

    Gefällt 1 Person

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