Lust beginnt da, wo „Was könnten die anderen denken“ aufhört

Inspiriert vom sehr persönlichen und engagierten Artikel „Eine Lanze für die Lust“, geschrieben von der Hamburger Frauen-Masseurin Hanna Krohn, habe ich in den letzten Tagen viel über die Lust nachgedacht. Hanna beschreibt in ihrem Artikel, wie sie gefragt wird, warum Frauen zu ihr zur Massage kommen. Ob das etwas mit Lust zu tun hätte? Sie antwortet, dass es um Kennenlernen der eigenen Anatomie, um Selbstbestimmung und um Heilung ginge. Dass sie die Frage nach der Lust gar nicht beantwortet hat, dämmert ihr erst später.

Das erinnerte mich an Situationen, in denen ich gefragt wurde, worum es denn bei einem Tantra-Seminar so ginge. Ich merkte dann regelmäßig, wie sich etwas in mir anspannte, wie ich eine vorauseilende Verteidigungshaltung annahm, und dann Dinge sagte wie: „Es geht um Persönlichkeitsentfaltung, Wachstum, Spiritualität, und grundsätzlich um die Kommunikation zwischen Mann und Frau. Natürlich auch auf einer körperlichen Ebene…“

Ja, das ist alles richtig, aber ich wette, dass mindestens 90% der TeilnehmerInnen da sind, weil ein Tantra-Seminar einer der ganz wenigen Räume ist, wo Lust und Ekstase einfach sein dürfen, und jeder damit willkommen ist, ja sogar dabei unterstützt wird, die persönlichen Möglichkeiten der Lust auszutesten und zu erweitern.

„Je mehr ich mich mit dem Thema befasse, desto skandalöser erscheint es mir, dass es immer noch so tabuisiert ist, sich mit der Lust zu beschäftigen. Wir wollen sie, wir brauchen sie, sie tut uns gut, sie macht uns stark und vital – wo ist eigentlich das Problem??“ Hanna Krohn

Warum wird die sexuelle Lust – und besonders die weibliche – seit Jahrhunderten unterdrückt und bekämpft, ja im wahrsten Sinne des Wortes beschnitten? Warum fällt es uns heute immer noch so schwer, uns klar und offen dazu zu bekennen, dass wir Lust leben wollen, dass wir uns Zeit dafür nehmen und vielleicht sogar Geld dafür ausgeben wollen? Und gleichzeitig lebt eine ganze Schattenindustrie blendend von unseren verdrängten Themen.

Als ich begann, über Sexualität und Lust zu schreiben, hatte ich das diffuse Gefühl, dass irgendetwas Schreckliches passieren würde, wenn ich mit diesen Themen – noch dazu in einer sehr persönlichen Art und Weise – an die Öffentlichkeit gehen würde. Die bekannte Tantra-Massage-Ausbilderin Nhanga Ch. Grunow nennt das „die Inquisitionsschranke“. Im kollektiven weiblichen Gedächtnis sitzt immer noch die Angst, dass Frauen, die ihre Lust leben, auf dem Scheiterhaufen enden.

So wie wir sozialisiert sind, weckt die Erwähnung von Lust – oder noch schlimmer: der Wollust (Todsünde!) – Assoziationen von Zügellosigkeit, Begierde und Geilheit, die in der Folge zu Eifersucht, Krankheit, Sucht, Absturz, Mord und Totschlag, Sodom und Gomorrah führen.

Stellen wir uns doch einmal die Frage, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der ein Begriff wie „Sünde“ gar nicht existierte, und wo alle Individuen ihre Lust aus dem Schatten geholt, kennen gelernt und integriert hätten.

Buchtipp: „Die Insel der Linkshänder“ von Alexandre Jardin

Ich könnte mir vorstellen, dass solche Menschen Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Würde ausstrahlen. Dass sie entspannt und genährt wirken und in gutem Kontakt mit sich selbst und ihrer Umwelt sind.

Das wären Menschen, die wissen, welche Art von Sinnlichkeit und Weiblichkeit bzw. Männlichkeit sie verkörpern: ob weiches, warmes Geerdet-Sein, freche, verspielte Wildheit, kraftvolle, entschlossene Präsenz – oder alles zusammen. Die gelernt hätten, mit ihrer Lust, ihrem Begehren umzugehen, sie angemessen einzusetzen oder auch völlig frei zulassen, wenn die Situation es zulässt.

Ja, es geht auch um Kontrollverlust und Zügellosigkeit. Sie sind sogar Voraussetzung für ekstatische Zustände. In unserer Gesellschaft gibt es leider kaum mehr sichere Räume, überlieferte Rituale und erfahrene BegleiterInnen, um „außer sich zu geraten“, was die wörtliche Übersetzung für Ekstase ist. Letzte Reste sind noch im Karneval zu finden, aber ohne Bewusstsein für die Sinnhaftigkeit.

Lust hat auch etwas Herausforderndes, Rebellisches, Unangepasstes. Lust ist nicht harmlos. Lust tanzt aus der Reihe. Das ist ein Grund, warum sie den meisten Herrschenden so gefährlich schien und noch immer scheint.

Lust beginnt da, wo der Gedanke „Was könnten bloß die anderen denken“ verstummt. Wo es möglich ist, das Denken, den inneren Kritiker, die von außen vorgegebene Moral abzustellen, um zu tiefer Hingabe zu kommen.

Die Hingabe an das Leben selbst

Die Sexualität ist ein großartiger Spielraum, um diese Dinge zu üben. Letztendlich geht es aber um die Hingabe an das Leben selbst. In den vergangenen Tagen habe ich immer wieder versucht, mich in dieser Hingabe zu üben. Alle Gedanken abzuschalten und einfach die Sonne zu genießen, das Vogelgezwitscher und den Duft des Flieders. Mich aber genauso ins Wäsche waschen, Kochen und Socken sortieren hinzugeben. Und ins Spielen mit meinem Sohn.

Da kommt dann schon öfter mal wieder das „Was könnten die anderen denken“ um die Ecke, wenn ich lieber mit ihm über die Wiese kugle anstatt mit den anderen Kindergarten-Mamas brav auf der Bank zu sitzen und den neuesten Tratsch auszutauschen. Wenn ich im Fitness-Studio stöhne und schnaufe anstatt mich zu „beherrschen“. Und wenn ich meine langen weiten Sommerkleider aus dem Schrank hole und das bunte Tuch ins Haar knüpfe!

Was könnten die anderen denken? Sie könnten denken: „Was für eine sinnliche, lebendige Frau. Ich will auch barfuß über die Wiese laufen!“ Und das wäre doch gar nicht so verkehrt…

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