Das Begehren wach halten

„Wie ist es möglich, die Lust und das Begehren in einer langjährigen Partnerschaft aufrecht zu erhalten, bzw. immer wieder zu beleben?“ Diese Frage stellen sich viele Paare, die in einer guten Beziehung leben, einander lieben, und doch darunter leiden, dass der Sex einfach nicht mehr das ist, was er einmal war. Dass sie mehr oder weniger wie „Brüderchen und Schwesterchen“ zusammenleben, sich um die Kinder kümmern und abends gemeinsam auf dem Sofa lümmeln. Wo ist das Verlangen nach einander geblieben? Bedeutet gute Intimität nicht auch automatisch guten Sex?

Die New Yorker Paar-Therapeutin Esther Perel gibt in ihrem TED-Talk „The secret to desire in a long-term relationship“ ein paar wertvolle Hinweise. Sie fragt: „Kann ich etwas begehren, was mir zutiefst vertraut ist? Schließen sich Liebe und Begehren aus?“

Zwei gegensätzliche Bedürfnisse

Um in einer langjährigen Partnerschaft die Lust aufrecht zu erhalten, ist es nötig, zwei grundsätzlich unterschiedliche menschliche Bedürfnisse auszugleichen: das Bedürfnis nach Sicherheit und das Bedürfnis nach Abenteuer. Wie kann das gelingen?

Esther Perel war in über 20 Ländern und hat die Menschen dort gefragt: „Wann fühlen Sie sich zu Ihrem Partner am meisten hingezogen?“

Die erste Gruppe sagte: „Wenn wir getrennt sind, wenn Sehnsucht und Fantasie ins Spiel kommen, wenn wir uns nach einer Zeit der Trennung wiedersehen.“

Die zweite Gruppe war noch interessanter. Sie sagte: „Wenn ich meine Partnerin auf der Bühne sehe. Oder bei einer Party im lebhaften Gespräch.“ „Wenn er ganz bei sich und ganz in seinem Element ist!“ Im Grunde, wenn wir unsere Partner strahlend, souverän und selbstsicher erleben.

„Manchmal liegt das Geheimnisvolle nicht an fremden Orten sondern in einem geänderten Blickwinkel.“

(Marcel Proust)

Die dritte Gruppe antwortete: „Wenn ich überrascht bin. Wenn er seinen Smoking trägt. Oder die Cowboy-Stiefel. Wenn wir zusammen lachen.“

Die Mutter der Erotik ist die Fantasie. Wir können uns Dinge vorstellen, sie andeuten und müssen es noch nicht mal wirklich tun, um davon angeturnt zu werden. Ein Mangel an Erotik ist in Wirklichkeit ein Mangel an Fantasie. Und Fantasie wird erdrückt, wenn es zu eng wird, wenn es keine Freiheit gibt.

Sex ist ein Raum

Esther Perel sagt noch etwas Bemerkenswertes: „Sex ist nicht etwas, was wir tun. Es ist ein Ort an den wir gehen, allein oder mit einem oder mehreren anderen. Ein Raum in dem wir entscheiden, welche Seiten von uns wir ausleben. In dem Verspieltheit, Neugier, Loslassen, Ungezogenheit, Spiritualität oder Wildheit ihren Platz haben.“

Die Kunst, die Paare beherrschen, die über viele Jahre ein lebendiges Liebesleben führen, ist, einen fantasievollen Raum für Sex zu öffnen. Einen Raum, wo man die Firma hinter sich lässt, wo man aufhört, ein braver, verantwortungsvoller Bürger zu sein, der sich um andere kümmert. Denn all diese Verhaltensweisen, die die Liebe und das Vertrauen fördern, sind tödlich für das Begehren.

In einer guten Beziehung geht es darum, die Gegensätze anzuerkennen und ihnen Platz einzuräumen: Nähe und Distanz, Sicherheit und Freiheit, Vertrautheit und Überraschung, Ankommen und Unterwegs sein, Beständigkeit und Abenteuer.

Und es geht auch darum – wie es die Antworten der Gruppe 2 gezeigt haben – sich immer wieder um sich selbst zu kümmern: um die Dinge, für die wir brennen, die uns leidenschaftlich, engagiert und im Flow sein lassen. Darum, Seiten in uns (wieder) zum Vorschein zu bringen, die überraschend und neu für unsere Partner sind. So gelingt es langfristig, das Begehren wach zu halten, während die Beziehung gleichzeitig intimer und verbindlicher wird.

Hier könnt Ihr den TED-Talk von Esther Perel im englischen Original sehen.

Foto: pexels

 

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