„Wie junge Frauen über ihr eigenes sexuelles Vergnügen denken“

Ich liebe TED Talks. Wer sie noch nicht für sich entdeckt hat, dem möchte ich wärmstens ans Herz legen: Schaut mal auf www.ted.com und stöbert in den tausenden von Vorträgen, die es zu den unterschiedlichsten Themen bereits gibt. Kein Vortrag dauert länger als 15 bis 20 Minuten. Die Konferenzen, die mittlerweile auf der ganzen Welt stattfinden, stehen unter dem Motto: „Ideas worth spreading“ – „Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden“. Wissenschaftler, Forscherinnen, Aktivisten, Unternehmerinnen… brillante Redner und Vortragende referieren über ihr Spezialgebiet – und das beste: Die Videos aller Talks sind kostenfrei online verfügbar und werden oft Millionen Mal geklickt.

Auch zu den Themen, die meinen Sexy Salad bereichern, wie Partnerschaft, Sex und Liebe, gibt es einige wirklich sehenswerte TED-Talks, die ich Euch in nächster Zeit hier vorstellen möchte.

„Wie junge Frauen über ihr eigenes sexuelles Vergnügen denken“

Lasst uns mit einem Talk von Peggy Orenstein, US-amerikanische Autorin und Journalistin, beginnen, die drei Jahre lang junge Frauen über ihre Einstellung zu ihrer Sexualität befragt hat. Einiges in den Ergebnissen lässt sich sicherlich mit der typisch amerikanischen Prüderie erklären, viele Vorstellungen – vermute ich – geistern aber auch in den Köpfen europäischer und deutscher Jugendlicher herum.

Peggy Orenstein hat herausgefunden, dass junge Frauen zwar zunehmend selbstbewusst sind, wenn es darum geht, sexuell aktiv zu sein, dass sie es aber noch nicht als selbstverständlich annehmen, dass sie dabei auch Freude, Lust und Befriedigung erfahren dürfen. Dass ihre Lust und ihr Genuss genauso wichtig sind wie die ihres Partners. „Gleichberechtigung in der Intimität“ nennt die Vortragende das.

„Wenn er glücklich ist, bin ich es auch“

Sie präsentiert die Erkenntnisse von Sara McClellan, Psychologin an der Universität Michigan, die festgestellt hat, dass sich junge Frauen weit mehr als junge Männer über den Genuss und die Befriedigung ihres Partners definieren. „Wenn er glücklich ist, bin ich es auch.“ Junge Männer hingegen definieren ihre sexuelle Zufriedenheit hauptsächlich über ihren eigenen Orgasmus.

Junge Frauen beschreiben auch „schlechten Sex“ anders. In der größten amerikanischen Studie gaben die weiblichen Teilnehmerinnen an, in 30% der Fälle Schmerzen beim Sex zu haben. Sie benutzten auch Worte wie „frustrierend“, „deprimierend“ oder „beschämend“. Junge Männer benutzten solche Worte nie.

Junge Frauen legen die Latte oft erschreckend niedrig, wenn es um befriedigenden Sex geht. Für viele ist es bereits „guter Sex“ wenn sie keine Schmerzen haben, wenn sie sich ihrem Partner nahe fühlen und wenn er zufrieden ist. Das äußert sich auch in ihrem Verhältnis zu oralem Sex. Diese Variante wird von vielen Jugendlichen als „weniger intim“ wahrgenommen als genitaler Geschlechtsverkehr.

„Das ist keine große Sache“ erzählen junge Mädchen, als hätten sie alle dieselbe Gebrauchsanweisung gelesen. Sie „blasen ihm einen“, wenn sie nicht mit ihm schlafen wollen, er aber erwartet, befriedigt zu werden. Diese „Gefälligkeit“ beruht jedoch in vielen Fällen nicht auf Gegenseitigkeit. Und das nicht einmal unbedingt, weil die jungen Männer das nicht wollten. Viele junge Frauen zeigen sich verschämt und unsicher, wenn es um ihre Genitalien geht. „Es ist, als hätten sie das Gefühl, sie wären gleichzeitig eklig und heilig,“ erklärt Peggy Orenstein.

Das genitale Selbstbild junger Frauen steht extrem unter Druck

Die Gefühle, die Frauen ihren Genitalien entgegenbringen, stehen in direkter Verbindung zu ihrem sexuellen Vergnügen. Debby Herbenick, eine Forscherin der Indiana University, stellte fest, dass das genitale Selbstbild junger Frauen mehr denn je unter extremem Druck steht. Die vorherrschende Überzeugung ist, dass weibliche Genitalien in ihrem Originalzustand unakzeptabel sind. Die große Mehrheit der Studentinnen entfernt die Schamhaare komplett – und hat das Gefühl, das völlig freiwillig zu tun. „Ob sie das wohl auch tun würden, wären sie auf einer einsamen Insel gestrandet?“ wundert sich Peggy Orenstein.

Ein weiterer Indikator dafür, wie beschämt Frauen sich in Bezug auf ihre Genitalien fühlen, ist der kontinuierliche Anstieg von Operationen an den Schamlippen bei Teenagern. Diese Entwicklung ist so besorgniserregend, dass sich der Amerikanische Verband der Gynäkologen und Geburtshelfer veranlasst sah, ein Statement herauszugeben, in dem hervorgehoben wurde, dass dieser Eingriff fast nie medizinisch notwendig ist, aber Nebenwirkungen wie Narbenbildung, Taubheit, Schmerzen und verminderte sexuelle Empfindungsfähigkeit nach sich ziehen kann.

Keine geeignete Sprache

„Wenn wir über all das nachdenken, könnten wir zu dem Schluss kommen, dass kleine Mädchen hierzulande einer Art „psychischen Genitalverstümmelung“ unterzogen werden“, meint Peggy Orenstein. Bei kleinen Jungen ist es viel wahrscheinlicher, dass ihre Eltern alle ihre Körperteile benennen. Zumindest sagen sie: „Das hier ist dein Pipi!“ Bei kleinen Mädchen kommt es viel häufiger vor, dass die Eltern direkt vom Nabel zu den Knien springen und es für die Zone dazwischen keine Bezeichnung gibt. Es gibt keinen besseren Weg, etwas unaussprechlich zu machen, als es nicht zu benennen, keinen Namen dafür zu haben.

Später gehen die Jugendlichen in den Aufklärungsunterricht in der Schule und sie hören, dass Männer Erektionen haben und ejakulieren… und dass Frauen eine oft schmerzhafte Periode haben und ungewollte Schwangerschaften. Sie sehen die Bilder der weiblichen Fortpflanzungsorgane im Inneren des Körpers, die zwischen den Beinen immer nur grau sind. Sie kennen das Wort „Vulva“ nicht und lernen, dass die Klitoris ein kleiner Knubbel ist, und nicht ein großes, verzweigtes Organ mit weit mehr Nervenenden als die Penisspitze.

„…und dann haben diese jungen Frauen ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einem Partner und wir erwarten, dass sie mit dem Thema identifiziert sind und dass sie in der Lage sind, ihre persönlichen Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen zu artikulieren. Das ist unrealistisch,“ betont die Vortragende.

Offen über die Freuden der Sexualität reden!

Der einzige Weg, wie auf diesem Gebiet gesellschaftlicher Wandel stattfinden kann, ist, wenn wir mehr mit jungen Leuten über Sexualität reden. Wenn wir diese Diskussionen normalisieren, sie in unser tägliches Leben integrieren und beginnen, über intime Dinge auf eine andere Weise zu reden.

Es lohnt sich, jungen Leuten die Frage zu stellen: „Wer hat mehr sexuelle Erfahrung? Jemand, der drei Stunden mit seinem Partner zusammen ist, um mit sexueller Erregung und Kommunikation zu experimentieren, oder jemand, der betrunken auf einer Party mit einem Unbekannten schläft, nur um seine Jungfräulichkeit zu verlieren?“

Bei einer Umfrage unter je 300 Studentinnen von einer Niederländischen und einer Amerikanischen Universität zeigte sich, dass die Niederländischen Frauen genau das repräsentierten, was wir uns wünschen: Sie hatten weniger negative Erfahrungen, wie Krankheiten, frühe Schwangerschaften oder Bedauern, sie hatten mehr positive Erlebnisse, z.B. dass sie mit ihren Partnern kommunizieren konnten, die sie in der Regel schon gut kannten, dass sie sich verantwortlich auf ihre sexuellen Aktivitäten vorbereiteten und dass sie mehr Vergnügen empfanden.

Die Balance zwischen Verantwortung und Spaß finden

Was war ihr Geheimnis? Sie sagten, dass ihre Eltern, Lehrer und Ärzte bereits in einem sehr frühen Alter offen mit ihnen über Sex sprachen, über Lust und die Wichtigkeit gegenseitigen Vertrauens. Obwohl Amerikanische Eltern nicht notwendigerweise weniger offen über Sex sprechen, tun sie es doch meist ausschließlich im Zusammenhang mit Risiken und Gefahren. Niederländische Eltern schaffen es besser, die Balance zwischen Verantwortung und Spaß zu finden.

Viele Eltern sprechen mit ihren Kindern über Verhütung, Krankheiten und Einvernehmlichkeit – und glauben, damit einen guten Job gemacht zu haben. Aber das ist nicht genug. Die jungen Menschen sollen wissen, dass Sexualität eine Quelle von Selbstbewusstsein ist, von Kommunikation und Kreativität – trotz ihrer potentiellen Risiken. Sie sollen ihre Körperlichkeit genießen, ohne auf sie reduziert zu werden. Sie sollen ihre sexuellen Wünsche artikulieren können und in der Lage sein, sie erfüllt zu bekommen. Sie sollen sicher sein vor ungewollter Schwangerschaft, Krankheiten, Übergriffen und Gewalt. Und wenn sie sexuelle Gewalt erfahren, sollen sie Rückhalt durch ihre Schulen, Arbeitgeber und ihr privates Umfeld erfahren.

Peggy Orenstein schließt mit den Worten: „Wir haben eine Generation von Mädchen großgezogen, die eine Stimme haben. Die gleichberechtigte Behandlung erwarten, in den Schulen, Universitäten, am Arbeitsplatz und zuhause. Nun sollen sie sich auch selbst Gleichberechtigung in der Intimität zugestehen und den Mut haben, sie für sich einzufordern!“ Da kann ich ihr nur zustimmen.

Hier gibt es den (englischen) Original-TED-Talk von Peggy Orenstein:

What young women believe about their own sexual pleasure

Foto: pixabay / Ben_Kerckx

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