Weil es wirkt!

Vor etwa einer Woche hatte ich in der Facebook Gruppe zur gerade laufenden Frauenkonferenz (7.-18. Dezember 2016) einen für mich sehr aufschlussreichen Austausch mit H. Sie stellte die Frage, warum es zwar in einem Online Forum möglich sei, sehr offen, persönlich und direkt über Sexualität zu sprechen (auch die eigene), nicht aber im „echten Leben“.

Ich habe schon viel darüber nachgedacht, unter anderem auch in diesem Artikel, wo es um Sprache und Begrifflichkeiten geht. In meiner Ausbildung zur Sexualberaterin war das „Wie spreche ich darüber“ auch Thema, sollten wir doch mit Klienten und Klientinnen einen möglichst ungehemmten Gesprächsfluss haben.

Im Kontext der Ausbildung wurde vor allem aufgezeigt, dass das Sprechen über Sexualität mit Scham und Schuldgefühlen assoziiert sein kann, und mit Erinnerungen an negative Erlebnisse. Daher wurde uns ein sachlicher, theoretischer und wissenschaftlicher  Zugang nahegelegt.

Was aber auch passieren kann, darüber hat mir erst H. so richtig die Augen geöffnet: dass es wirkt! Dass beim Sprechen über Sexualität auch sexuelle, lustvolle Gefühle hochkommen können. Und das wird in unserer Gesellschaft in den meisten Situationen als peinlich empfunden.

Das meinte auch H. in ihrem Kommentar: „…es kann erregend wirken… wenn ich übers Taubenzüchten rede, ist das was anderes!“

Natürlich! Das ist der Grund, warum sich zu einem Online-Kongress über Sexualität und Weiblichkeit bereits 4.000 Frauen angemeldet haben, während zu einem vergleichbaren Vortrag in der Frauenberatungsstelle der nächsten größeren Kreisstadt wahrscheinlich nur eine handvoll Zuhörerinnen kommen würde, die sich in der abschließenden Fragerunde bestenfalls ein unverbindliches Lächeln ins Gesicht setzen und ganz bestimmt keine Erfahrungen aus ihrer eigenen Sexualität teilen würden.

Dazu braucht es andere Räume. Geschützte, intime Räume. Es gibt sie, aber sie sind (noch) selten. Räume, in denen es ok ist, auch mal mit glänzenden Augen und geröteten Wangen über den letzten Sex zu sprechen und dabei aufge- und erregt auf dem Sofa hin und her zu rutschen. Räume, in denen es genauso ok ist, dass sich die anderen davon anstecken lassen, so dass ihnen dabei vielleicht auch mal ein hörbarer Seufzer über die Lippen kommt.

Wenn uns ein Gespräch oder ein Vortrag wirklich berührt, dann wirkt er auf allen Ebenen. Und das darf nicht peinlich sein.

Sexuelle Energie ist so machtvoll und wir haben nie den Umgang damit gelernt. Deshalb ist es besonders wichtig, auch in Gesprächen achtsam zu sein. Ich kann mich erinnern, dass ich als Jugendliche – wie wohl die meisten Jugendlichen – sehr leicht zu beeindrucken war. Im Alter von ca. 14 Jahren habe ich jedes Wochenende am Reiterhof verbracht. In dieser Gegend traf man sich nach dem Reiten im Weinkeller, und dort ließen die alten Weinbauern keine Gelegenheit aus, prahlerisch, lüstern und oft auch abschätzig über Sex und Frauen zu reden.

Dieses Gerede hat meine junge Sexualität berührt, ich fand es teilweise abstoßend, aber auch anziehend. Ich kann von Glück sagen, dass keiner der Männer meinen naiven Zustand der Verwirrung und Erregung ausgenützt hat. In einer als unpassend empfundenen Situation kann die direkte und ungeschützte Konfrontation mit Sexualität verstörend und beängstigend sein.

Daher finde ich es so wichtig, „passende“, geschützte Räume zu kreieren, in denen nicht nur sachlich-wissenschaftlich, und auch nicht abfällig, sondern lustvoll und mit Herz, persönlich und direkt, offen und berührend über Sexualität gesprochen werden kann. In denen wir uns lustvoll zeigen und gemeinsam lustvoll sein dürfen. Weil es wirkt. Weil dadurch Kontakt, Nähe und Intimität entstehen. Frauenräume. Männerräume. Und gemeinsame Räume.

 Foto: pexels.com

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Helen Noah sagt:

    Sehr treffend ge-/beschrieben. Jetzt fallen mir auch einige Situationen ein, in denen z.B. sexueller „talk“ beiläufig oder gezielt dazu benutzt wurde, um mich als junges Mädchen zu „stimulieren“ (von irgendwelchen Männern, Baustellenarbeitern oder sonstigen Fremden)..und ich erinnere, dass ganz zu Anfang meine Ohren dafür noch nicht geöffnet waren..die „Vokabeln“ haben damals noch nicht den Weg zu den angesprochenen Organen gefunden. Es war erstmal nur wie ein energetischer „Anrempler“. Nicht so besonders angenehm, aber klar, es macht neugierig. Später dann, mit eigenen gemachten Erfahrungen unterfüttert, haben diese Vokabeln ihre Wirksamkeit entfaltet. Dann kam Empörung auf, wenn es von unerwünschter Stelle geäußert wurde bzw. Lust, wenn ich offen war dafür. Sexuelle Rede ist ja auch eine der tantrischen Künste ..
    Es fängt vielleicht ganz früh damit an, wie die Eltern schon dieses Gebiet ansprechen .. oder auch nicht. Ich glaube, da kann sich noch sehr viel positives entwickeln, um das Leben insgesamt lustvoller zu gestalten.

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