„Wie sag ich’s bloß?“

Namen verleihen uns Macht über Dinge, Vorgänge und Situationen. Wenn ich etwas benennen kann, kann ich viel besser damit umgehen. Das lehrte uns schon in frühen Kindertagen das Märchen vom Rumpelstilzchen („Ach wie gut dass niemand weiß…“)

Ohne Worte

Es klingt vielleicht komisch, aber ein wichtiger Grund, warum ich nicht schon viel früher damit begonnen habe, über Sex zu schreiben oder in Vorträgen oder Workshops darüber zu reden, ist der, dass ich keine für mich stimmigen Bezeichnungen für „Meins“ und „Deins“ gefunden habe .

Um über etwas entspannt reden zu können, braucht man Worte, mit denen man sich wohl fühlt. Worte, die einem leicht über die Lippen kommen. Worte, an denen man sich nicht halb verschluckt.

Die gängigsten Bezeichnungen für die Genitalien sind heute wohl Vagina und Penis. Klingt mehr nach Sterilität als nach Sinnlichkeit. Saubere, anatomische Begriffe. Die deutschen Bezeichnungen gehen für mich auch nicht mehr: Scheide und Glied. Nein. Scheiden tut weh und lieber Mit-Glied als ohne. Oh graus.

Sprache ist wichtig

In meinen Ausbildungen rund um Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung wurde immer besonderer Wert darauf gelegt, achtsam mit Sprache umzugehen. Bewusster Umgang mit Sprache kann die Bilder im Kopf des Gegenübers verändern. Und seine Gefühle. Viele Systeme, wie zum Beispiel NLP und Possibility Manangement erfinden sogar ihre eigenen Begrifflichkeiten, weil sie bestimmte Aktionen oder Zustände mit den gängigen Begriffen nicht klar und eindeutig genug beschreiben können.

Auch im Bereich der sexuellen Themen habe ich Menschen kennengelernt, die neue Begriffe kreiert haben. Lustlippen zum Beispiel, statt Schamlippen. Weil da gibt’s ja wirklich nichts zu schämen. Sogar die „Gegut-Organe“ sind mir begegnet – eine ziemlich gewagte Wortschöpfung.

Die Überlegung dahinter ist, dass die meisten Begriffe schon zu besetzt sind. Sie rufen bestimmte Bilder und Assoziationen wach, die bei den Menschen eines Kulturkreises ähnlich sind, weil die Wörter immer wieder in einem bestimmten Kontext gebraucht werden. „Vagina“ erinnert an den Aufklärungsunterricht in der 6. Klasse, und der war irgendwie peinlich.

Ganz offensichtlich wird über das männliche Genital mehr und fantasievoller gesprochen als über das weibliche. Der Duden kennt für Vagina nur 9 Synonyme, die Nettesten davon sind noch „Muschi“ oder „Möse“. Für Penis sind sage und schreibe 40 Synonyme aufgezählt, vom „Zauberstab“ bis zum „Schniedel“ ist da alles dabei. Was sichtbarer ist bekommt offenbar auch öfter einen Namen.

Lang lebe der Duden

Noch etwas hat mir der Duden verraten. Als Teenager traute ich mich nie, das Wort „Vagina“ öffentlich auszusprechen. Weniger aus Scham, sondern weil ich mir schlicht nicht sicher war, wie man es richtig ausspricht. Liegt die Betonung auf dem „a“ oder auf dem „i“? Für alle denen es ähnlich geht: Die Betonung gehört auf die zweite Silbe!

„Vulva“ ist auch ein schönes Wort. Klingt so nach Vulkan, und der kann sie ja durchaus manchmal sein. Vulva ist die Bezeichnung für „die Gesamtheit der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane“. Also außen Vulva, innen Vagina. Alles klar?

Yoni und Lingam

Wer schon einmal auf einem „Tantra-Schnupper-Tag“ war, wird als eines der ersten Dinge die Begriffe „Yoni“ und „Lingam“ gerlernt haben. Eben weil es im Deutschen keine positiven besetzten, wertschätzenden, liebevollen Begriffe für unsere Lustorgane gibt. „Yoni“ für die Vagina und „Lingam“ für den Penis sind in unserem Kulturkreis neue und fremde Begriffe, die erst mit Bedeutung aufgeladen werden können.

Klar, die Assoziation führt erstmal in den esoterischen Bereich, darum sind die Begrifflichkeiten nicht für jedes Umfeld geeignet. Ich finde sie aber trotzdem schön. Ich spreche lieber von meiner Yoni als von meiner Vagina. Vagina klingt wie etwas, was ich mir im Labor anschaue, und nicht wie etwas, was zu mir gehört. Yoni hingegen fühlt sich für mich warm und weich und lebensfroh an.

Die wörtliche Übersetzung vom lateinischen „Penis“ ist übrigens tatsächlich „Schwanz“. Daher finde ich die Bezeichnung „Schwanz“ auch durchaus nicht respektlos oder abwertend. Es kommt aber immer auch auf den Kontext an, in dem ein Begriff verwendet wird. „Schwanz“ würde ich dann doch eher im Schlafzimmer verorten. Außer ich will bewusst provozieren. „Vagina“ heißt übersetzt auch „Hülle“, was ein schönes Bild ist, weil sie „ihn“ tatsächlich umhüllt. Trotzdem würde ich nicht von meiner „Hülle“ sprechen. Nicht sehr sexy.

Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft

Es gibt in unserem Kulturkreis für unsere Lustorgane also nur entweder medizinisch-sterile, verniedlichende oder vulgäre Ausdrücke. Wertschätzende, liebevolle oder poetische Begriffe habe ich hauptsächlich in östlichen Kulturen gefunden. Was sagt das über unseren Umgang mit Sexualität ganz allgemein aus? Denn Sprache ist auch immer ein Spiegel der Gesellschaft. Offenbar fehlen uns die Worte, wenn es um eine klare, kraftvolle und achtsame Sprache der körperlichen Liebe geht. Und da geht es schon weiter: Sex haben? Liebe machen? Miteinander schlafen? Das F-Wort?

Gestärkt oder geschwächt?

Eine einfache Möglichkeit, Begriffe zu „testen“ ist die Frage: Wie fühle ich mich damit? Was löst dieser Begriff in mir aus? Stärkt er mich oder schwächt er mich? Stärkt er das Gefühl von Sinnlichkeit, Begehren und Lust?

Wenn er mich stärkt – wunderbar, mehr davon. Wenn er mich schwächer und kleiner macht, dann kann es durchaus einmal angebracht sein, gemeinsam mit dem Partner kreativ zu werden und neue Begriffe zu erfinden. Das kann richtig Spaß machen! Nehmt ein großes Blatt Papier, am besten einen Flip Chart-Bogen, und legt los. Sammelt alle Begriffe, die Ihr schon kennt, und dann erfindet neue.

Das Ziel ist nicht, jeden Satz im Kopf fünfmal hin und her zu drehen, bevor man ihn ausspricht oder aufschreibt. Das Ziel ist, sich über die Kraft und Magie von Sprache bewusst zu werden. In jedem Lebensbereich, besonders aber auch im Bereich der Sexualität.

Foto: privat

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. RED sagt:

    Eine Bezeichnung, die ich besonders gerne mag, ist „Vulvina“.
    Siehe hier: http://wordpress.ellaberlin.de/
    Liebe Grüße aus Wien!

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